Über die Kunst, in kürzester Zeit journalistisch zu schneiden
Auf in den Nachrichten-Schnitt. Und wenn, dann direkt zum Flaggschiff der News-Sendungen, nämlich zur „Tagesschau“.
Unser Gast
Ingo Schulten schneidet seit 25 Jahren freiberuflich für den Westdeutschen Rundfunk als freier Mitarbeiter und seit ca. 17 Jahren für die News-Formate „Tagesschau“ und „Tagesthemen“.

Je stressiger es wird, desto ruhiger werde ich.
– Ingo Schulten
Mit ihm sprechen wir darüber, wie es ist trotz hohen Zeitdrucks zu schneiden und doch journalistisch akkurat zu bleiben. Ingo ist, wird er uns erzählen, für den Newsautoren eine Art erster Zuschauer, der auf den Beitrag reagiert. Und wenn er etwas nicht versteht, etwas unklar ist oder unlogisch, dann merkt er dies an, macht Vorschläge und verbessert gemeinsam mit dem Autoren den Beitrag. Dadurch ist er, zusammen mit Autor und Redakteur, einer der “Filmherausgeber”.
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00:03 Sprecher: Heutiges Thema die Filmmontage in Theorie und Praxis.
00:15 Rainer Nigrelli: Hallo und herzlich Willkommen zu Credit to the Edit, dem Podcast über Filmschnitt. Hier sprechen wir mit Film-Editoren aus allen Genres, die der Beruf so zu bieten hat. Und das Beste daran, wir sind selber Film-Editoren. Mein Name ist Rainer Nigrelli.
00:30 Jan Henrik Pusch: Und ich bin Jan Henrik Pusch. Hallo.
00:32 Rainer Nigrelli: Hey.
00:35 Jan Henrik Pusch: Unser Thema heute ist der News-Schnitt. Ein Thema, auf das wir uns schon besonders freuen, dass unserem Genre, dem Spielfilm, inhaltlicher so gar nicht endet. Eingeladen haben wir dazu Ingo Schulten. Der schneidet für die Tagesschau-Redaktion in Köln. Und das schon seit vielen Jahren.
00:53 Rainer Nigrelli: Diese Folge wird unterstützt von Adobe. Vielen Dank dafür an dieser Stelle. Und jetzt sind wir mal gespannt, wie das so ist in Zeiten von Corona und Wahlen, die anstehen.
01:14 Sprecher: Der Bildschneider sichtet das Material und banne den Schalk aus seinem Blick. Denn es geht ausschließlich um die Feststellung der Wertigkeit des Materials und der in ihm immanenten Wahrheit. Ihm ist die Verantwortung aufgebürdet, zu zeigen, was betrifft und was betroffen macht, ohne der eigenen pumpigen Eitelkeit zu frönen. Denn ihr Handwerk kann in den Händen machtgieriger des Bootes zu furchtbarsten Verheerungen missbraucht werden.
01:50 Rainer Nigrelli: Also meine erste Frage, die wichtigste Frage, das was ich mir eigentlich die ganze Zeit stelle, Ingo, du arbeitest doch mit einem Schnittprogramm und da sind doch die Sachen geordnet in so Ordnern meistens. Manchmal nennt man das Bins oder Folder oder was auch immer.
02:05 Ingo Schulten: Genau, ich weiß, wo das jetzt hingeht.
02:06 Rainer Nigrelli: Achtung, hast du einen Bin, der heißt Autos fahren vor? Hast du einen anderen, der heißt Politiker steigen aus? Hast du einen, wo steht Schwenk, vorn Politiker auf Kameramänner?
02:19 Ingo Schulten: Nein, tatsächlich habe ich das nicht. Es ist ja so, dass du die News-Sachen versuchst, immer mit aktuellem Material zu drehen und manchmal eben auf Archivmaterial zurückgreifst. Das sind also immer die typischen Bergbaubilder oder von Bayer die Außenschüsse. Aber das ist ja meistens immer umgeben von einer Pressekonferenz oder irgendeinem aktuellen Ereignis und dann fährt man tatsächlich dann raus und dreht die entsprechenden Bilder und die kriegen wir dann in den Schnitt und daraus schneiden wir dann.
02:47 Jan Henrik Pusch: Und der Bundestag ist auch immer wieder, das ist immer wieder ein aktuelles Bild, sozusagen.
02:50 Ingo Schulten: Wenn du außen einen Bundestag, also eine Sitzung hast, dann ist es tatsächlich aktuelle Bilder. Aber Bundestag von außen sind immer Archivsachen. Das interessante daran ist, vielleicht auch gar nicht so interessant, in Köln gibt es jetzt einen Newsroom seit einem Dreivierteljahr. Da sind die Düsseldorf-Kollegen, die die Regionale Berichterstattung gemacht haben, also die AKS und Aktuelle Stunde, die sind nach Köln gekommen und sind da mit der Tagesschau-Redaktion fusioniert worden. Da einherging, dass wir umgestiegen sind von einem Programm, das nannte sich Quantle, jetzt auf einen Avid. Das war ein großer Umstieg, weil der Avid ist komplex und kompliziert. Der kann wahnsinnig viel, da ist er dann auch gut drin, aber der ist aus meiner Sicht nicht das schnellste Werkzeug, mit dem man arbeiten kann.
03:37 Und da war der Quantle tatsächlich unfassbar schnell. Also ich kenne kaum ein anderes Programm, vielleicht noch Final Cut X, mit dem du so schnell arbeiten kannst, bei diesen zeitkritischen Sachen wie News und Sport, wie da. Deswegen hat der Sport auch gesagt, dass die weiterhin auf dem Quantle dann auch arbeiten. Dieser Server vom Quantle konnte keine Ordner machen. Das heißt, da hast du immer nur nach Namen gesucht. Jetzt komme ich auf diese Frage Ort nach zurück.
03:56 Rainer Nigrelli: Ich tendiere dazu, diese großen Bogen zu schlagen. Hände schüttelnde Hände, bitte sage es mir.
04:03 Ingo Schulten: Das ist tatsächlich jetzt sehr stark strukturiert, wie das jetzt aufgebaut ist. Das heißt, da werden automatisch beim Anlegen eines Beitrags wird eine Ordnerstruktur gemacht und da werden nach vorgegebenen Strukturen die Sachen schon vorsortiert da rein geschoben, sodass quasi es eher darum geht, wo Material herkommt, ob es Archivmaterial ist oder Überspielung.
04:23 Jan Henrik Pusch: Okay, aber das heißt, du hast da kein Binnen, auf das du zugreifst, sondern das heißt, das wurde vorher dann gesagt, wir werden wahrscheinlich wieder aus dem Archiv was brauchen. Das kommt auf die Disk und das kommt dann in dein System.
04:32 Ingo Schulten: Genau, oder man hat eben ein großes Archiv-Suchsystem, wo man selber eben schnell, weil man vorher nicht antizipieren konnte, ich brauche jetzt das und das Bild, gibt man eine Suchmaske ein, da wird ein paar Sachen vorgeschlagen und dann zieht man sich das dann quasi über 32 Wege dann rein in das Projekt.
04:46 Jan Henrik Pusch: Aber jetzt helfen wir mal, mit wem arbeitest du denn sozusagen dann zusammen bei so einem Beitrag?
04:52 Ingo Schulten: Also primär arbeite ich mit dem Autoren zusammen und der Ablauf ist der, wenn ich jetzt mal bei der Tagesschau bleibe, die Redaktion der Tagesschau sitzt in Hamburg, da wird die Sendung produziert und dann bietet entweder Köln ein Thema an, hier Hamburg, guck doch mal, das wird jetzt spannend, wollt ihr was dazu haben oder Hamburg sagt, hört mal zu, wir haben ein Thema, macht uns da mal was dazu. Wenn ihr jetzt zum Beispiel so einen Fall hast, ein Prozessauftakt, dann kann es sein, dass du, weil ein Prozess geht meistens morgens um 9 oder 10 Uhr los, dann geht der mal ein paar Stunden, dann kann es auch sein, dass der nach einer halben Stunde wieder durch ist und dann hast du häufig den Auftrag, dass du um 12 Uhr eine erste Tagesschau machst, dann hast du um 13 Uhr vielleicht noch Nima, dann hast du eine 14 Uhr, eine 15 Uhr, eine 16 Uhr, eine 17 Uhr, eine 20 Uhr, ein Tagesthemenstück, TT, also und dann auch Name, also Nachtmagazin.
05:40 Und dann kann es sein, je nachdem, wie das so verläuft, dass du auch jede Stunde eine veränderte, eine aktualisierte Fassung davon machst. Und das bedeutet auch, dass du zum Beispiel im Laufe des Tages neue O-Töne reinkriegst. Und dann sitze ich aber mit dem Autoren in der Regel im Schnitt zusammen und da bauen wir dann je nach Auftragslage eben für jede Stunde einen neuen Beitrag und dann gibt es aber mehrere Abnahmeschleifen. Das heißt, die erste Abnahme wird dann intern gemacht. Das heißt, da kommt der CVD, guckt sich den Beitrag an, der weiß thematisch schon ungefähr, worum es dann geht.
06:18 Rainer Nigrelli: Darf ich ganz kurz fragen, wie viele Stunden du da schon gearbeitet hast dran in dem Moment?
06:23 Ingo Schulten: Bevor der dann reinkommt?
06:24 Rainer Nigrelli: Genau.
06:25 Ingo Schulten: Der kommt rein, wenn das Ding fertig ist.
06:26 Rainer Nigrelli: Und wie viele Stunden sind das dann?
06:28 Ingo Schulten: Das können irgendwas sein zwischen, sage ich mal, vier Stunden und 30 Minuten. Also wir haben auch schon Stücke gemacht in 30 Minuten.
06:35 Rainer Nigrelli: So knapp? Und dann, weil man es muss wahrscheinlich, weil es aktuell ist oder so? Also Schnitt und Text. Also alles muss sozusagen in diesen 30 Minuten passieren dann.
06:43 Ingo Schulten: Richtig. Also man versucht da schon ein bisschen anders zu timen, also dass man sagt, das erste Stück, man geht von einer 15 Uhr aus, die dann in der 17 vielleicht aktualisiert, dann würde man für eine 15 Uhr schon zwei Stunden früher anfangen. Zumindest das so timen.
07:00 Rainer Nigrelli: Was für Zeiten.
07:03 Ingo Schulten: Das heißt dann nicht, dass du dann auch alles Material schon hast, sondern dann sortierst du dich ein bisschen, dann erzählt der Auto, worum geht es denn überhaupt thematisch, was machen wir und was kommt wahrscheinlich. Weil im Hintergrund es dann Producer gibt, die auch zum Beispiel rausfahren, um diese O-Töne zu machen. Oder Material organisieren für uns, die uns dann zuarbeiten und dann fangen wir an zu schneiden mit dem Material, was wir haben und dann kann es aber auch gut sein, dass wir noch 20 Minuten, eine Viertelstunde vor Sendung dann noch eine O-Tone kriegen, der reinkommt, der entweder, wo wir Platz gelassen haben oder der ausgetauscht werden muss, um so aktuell wie möglich zu sein.
07:38 Jan Henrik Pusch: Und wenn der Chef vom Dienst dann glücklich damit ist, geht es dann raus nach Hamburg und dort wird es dann gesendet. Also wie läuft das dann ab in der Post?
07:50 Ingo Schulten: Der guckt sich das erstmal an, also wir spielen aus der Timeline den Beitrag ab und der Autor liest seinen Text dazu vor. Dann macht er seine ersten Korrekturwünsche. Das ist im Bild sehr, sehr selten. Das ist dann eher so, wenn er einen O-Ton nicht versteht oder am Text eben was geändert wird. Dann geht der Text aber dann nochmal nach Hamburg, dass die auch nochmal als ein ganz frisches Auge drauf gucken. Und dann haben die manchmal auch noch entweder Verständnisprobleme, weil sie dann auch wie ein Zuschauer unvoreingenommen daran gehen oder sie haben manchmal gewisse Formulierungswünsche, weil sie thematisch einen anderen Schwerpunkt haben wollen. Dann mischt man das fertig und dann überspielt man das per Direktleitung.
08:33 Das wird also quasi aus dem Schnittplatz dann angemeldet, mit einer Leitung, der aufgehortet nach Hamburg. In Hamburg wissen die dann, dass sie gleich ein Stück kriegen, was vorher angemeldet ist, starten dann ihre Aufzeichnungen, aus dem Schnittplatz wird es abgespielt und dann ist es drüben.
08:46 Rainer Nigrelli: Und wenn du Stop drückst währenddessen, dann wäre das nicht angekommen sozusagen?
08:50 Ingo Schulten: Richtig. Okay. Wenn es Hard of Hard kommt, dann spielst du auch schon mal live in der Sendung ein.
08:56 Rainer Nigrelli: Kannst du das bitte erklären? Das kann ich zum Beispiel gar nicht nachvollziehen, dass man das machen möchte. Warum tut man sich das an?
09:03 Ingo Schulten: Weil der Beitrag laufen soll. Und es gibt noch eine Eskalationsstufe darüber, live in die Sendung mischen. Also natürlich will man in der Regel, dass man eine Viertelstunde vor Sendung den Beitrag überspielt. Dass Hamburg dann auch das, was ich dann hatte, noch mal drüber geguckt hat und dann sagen okay, da ist kein Fehler drin, technisch, aber inhaltlicher Geschichte, alles wunderbar. Aufgrund der Situation, aber der Aktualität, passiert das halt nicht immer. Und dann versucht man, so früh wie möglich zu überspielen, manchmal auch während die Sendung schon läuft. Dann steht man beim Kontakt mit Hamburg und sagt, ihr könnt beruhigt sein, wir kriegen das alles hin. Ihr kriegt das Stück noch, und irgendwann sagen die aber, ne, wir spielen das jetzt direkt live in die Sendung ein.
09:43 Das bedeutet, es gibt eine Direktleitung, sowohl Bild als auch Ton, dann nach Hamburg, und Hamburg spricht dann den Schnittraum an und sagt, es gibt euch das und das Kommando, ihr geht beim Quantum war es früher auf die Eins, und beim Elbit ist es dann halt auf das erste Bild, und wir geben euch ein Kommando, wann ihr es abspielt. Dann haben wir unseren TV oben drin, schalten auf das erste Programm, haben das halt drin, und dann kriegen wir einfach über die Riedel, über die Intercom, dann aus Hamburg gesagt und abfahren. Und dann drückt man auf die Space-Taste und dann rückt man zwei Meter von dem Ding zurück, weil du natürlich automatisch sofort auf den TV oben guckst und siehst, dass das dann weiter nicht läuft, weil einfach diese zwei, drei Sekunden Übertragungsdifferenz drin sind.
10:23 Und dann ist es schon passiert, dass Leute dann nochmal stoppen, an den Anfang zurück und dann nochmal starten und das ist natürlich das, was dann auch über den Sender geht. Und die Hardcore-Variante ist, die habe ich zum Glück aber noch nie machen müssen, das ist live dann wirklich reinmischen.
10:37 Rainer Nigrelli: Oh Gott, also die Mischung ist noch nicht da, die Töne sind zu laut, zu leise.
10:42 Ingo Schulten: Nee, ich mache die Mischung alles vorher, das ist also so, dass da im Prinzip nichts mehr gemacht werden muss. Nur noch den Kommentar-Text dann drauf, aber dann liegt das an, der Autor ist in der Sprecherkabine, der kriegt dann auch das Signal drauf und während ich dann aus dem Schnitt das Stück abfahre, fängt er an, live reinzumischen und muss dann natürlich auf den Punkt sein und das alles hinkriegen.
11:06 Rainer Nigrelli: Um Gottes Willen. Ich gestatte die Frage und bist du da nicht nervös?
11:16 Ingo Schulten: Nee, nervös nicht mehr. Weil ich glaube, wenn du in der Situation nervös wirst, machst du diesen Job nicht lange. Und vor allen Dingen, wenn du nervös bist, machst du Fehler und du wirst langsamer und das kann dann eben diese drei Sekunden, ein oder zwei Minuten Zeit kosten und dann läuft der Beitrag nicht. Und in der Regel ist es, also je stressiger es wird, desto aufregender wird, desto ruhiger werde ich. Und wenn dann um mich herum alle ein bisschen aufgeregt sind, weil es natürlich für alle Stresses sind, weil keine mit den 20 Uhr Tagesschau mit einem Beitrag verhunzen, dann sag ich auch mal etwas direkter, dass jetzt alle den Raum verlassen sollen, damit ich dann in Ruhe arbeiten kann.
12:03 Und ich merke, wenn der Beitrag dann so kurz vor knapp rübergegangen ist und kriegt dann das Signal und dann läuft es da oben, dann merke ich auch schon eine gewisse Anspannung und dann fährt das auch ein bisschen runter wieder. Aber in dem Moment selber klinge ich nicht anders als doch jetzt, glaube ich zumindest. Also von anderen Leute fragen.
12:20 Jan Henrik Pusch: Kann ich mir sehr gut vorstellen, wie du da im Schneideraum sitzt und klare Ansagen machst, aber sehr entspannt dabei bist.
12:27 Rainer Nigrelli: Sag mal, gibt es gute und schlechte Nachrichtenstücke?
12:31 Ingo Schulten: Ich habe natürlich eine Vorstellung davon, was ich guten Journalismus, einen guten Beitrag finde und was ich einen schlechten Beitrag finde. Das ist aber auch dann wieder eine Art, wie man News interpretiert. Die Amerikaner machen das anders, als das ZDF das macht, als die ARD das macht, als RTL Sat.1. Ich glaube, es gibt Gründe, warum die Tagesschau 20 Uhr seit Jahrzehnten das Flaggschiff ist in dem Bereich und die 20 Uhr hat eine ganz klare Neutralität. Sie hat allerdings aber auch jetzt beim Beispiel Trump zum Beispiel seit vier Jahren ein absolutes Problem. Das gilt auch den Zeitungen und den News-Sendungen in Amerika genauso. Bis Trump konnte man davon ausgehen, dass alle Seiten mit denselben Fakten gearbeitet haben, sie nur anders interpretiert haben, dann funktioniert natürlich das, was die Amerikaner sagen, he said, she said.
13:21 Also das heißt, wir stellen einfach nur die Meinung gegenüber. Wenn die eine Seite jetzt aber anfängt, dass die Fakten gar nicht mehr interessiert, wie gehst du damit um? Wenn du jetzt einen Oton dann bringst, sagst du im Vorhinein, also was sie jetzt gleich zu hören bekommen, ist faktisch falsch. Er sagt die Unwahrheit oder sagt man, es ist eine Lüge, bei der Lüge muss es aber dann wieder eine Intention dahinter sein. Bei Trump weiß man nicht immer, lügt er bewusst oder hat das irgendwelche andere Hintergründe bei ihm. Wenn du das aber dann so anmoderierst, wo machst du dann die Grenze? Wenn du aber dann eine Aussage einfach so erstmal rausprosaunen lässt, besteht die Gefahr, dass es erstmal in der Welt ist und bei einem Zuschauer sich auch erstmal dann festsetzt, auch wenn du im nächsten Satz das dann wieder gegensetzt.
14:15 Und ich finde nach wie vor, dass der Journalismus in Deutschland, ob das ein Print ist oder TV ist, immer noch damit ihre Probleme hat. Man guckt auf Spiegel online und sieht in den Headlines immer, Trump hat hier wieder das und das gesagt, aber ohne tatsächlich, weil das sind ja die Dinge, die dir zuerst hängen bleiben. Eine Aussage, eine Überschrift und damit bist du ein Multiplikator. Du wirst in so einer Wahlwerbesendung, wo das, was eine Unwahrheit ist, multiplizierst und du ja eigentlich aus meiner Sicht als guter Journalist da auch anders mit umgehen musst. Und es reicht manchmal einfach nicht, die Gegenseite zu sagen, die sagen, ne, das ist halt nicht so.
15:00 Also da sagt dann jemand, die Erde ist flach und dann gibt es die mal anders, da sagt halt, die Erde ist rund. Und wir alle sind uns relativ einig, dass die Erde halt rund ist.
15:09 Jan Henrik Pusch: Man hat bei dir sehr den Eindruck, dass du sehr dafür brennst, was du da tust, aber auch der Journalismus irgendwie sehr, den du sehr in den Vordergrund stellst. Ist das der Grund, warum du damit angefangen hast?
15:21 Ingo Schulten: Nee, lustigerweise, nee gar nicht, also angefangen habe ich, ich habe mir neun Jahre Starbuzz gesehen, den ersten Teil und da wusste ich, ich mache Tagesschau. Ja genau, ich will was mit Filmen machen und ich bin so ein kleiner News-Junkie und ich habe auch einen gewissen, ich habe einen hohen Anspruch daran und ich kann mich auch da gerne streiten mit Leuten dann darüber, auf eine hoffentlich konstruktive Art und Weise und produktiv.
15:51 Rainer Nigrelli: Du meinst, du und der Autor jetzt nehmen wir?
15:54 Ingo Schulten: Ja, also in der Regel nicht, aber wenn es irgendwas ist, wo ich tatsächlich sage, nee das können wir so nicht machen und dann gab es auch, das passiert wirklich selten, aber wenn, dann gehe ich da auch ins Geschirr und sage, nee das können wir so nicht machen, weil aus den und den Gründen.
16:08 Rainer Nigrelli: Ich kenne das von der Arbeit an Dokumentation. Wenn wir einen Protagonisten haben, der zum Zeitpunkt A an dem ersten Tag etwas gesagt hat und zum Zeitpunkt B an einem zweiten Tag was anderes gesagt hat und wenn wir das zusammenschneiden und wenn wir den Protagonisten gerecht werden und wir das im Off verstecken und also dem Zuschauer nicht sagen, dass wir das geschnitten haben, dann machen wir das und fühlen uns trotzdem gut dabei. Und ich glaube, das ist, was bei News dann tatsächlich auch gar nicht geht.
16:35 Ingo Schulten: Ein Beispiel dafür ist, dass in der Tagesschau eigentlich Weißblitze tabu sind. In dem Moment, wo du Weißblitz machst, veränderst du eine Aussage und das kriegt ein Zuschauer auch direkt mit. Deswegen würden wir das niemals machen. Und schon gar nicht diese, wie das im Erbitt heißt, diese Morph-Funktion, dass du das auch noch so den Einung hinterlässt, als wenn gar kein Schnitt gewesen ist. Macht man nicht. Gleichzeitig ist es aber so, dass ich immer sehr, zumindest für mich, darauf achten würde, dass wenn wir einen O-Ton raussuchen, dass wir nicht nur darauf achten, eine Aussage rauszunehmen, die uns gut in unsere Geschichte reinpasst, sondern dass es auch der Meinung, die uns dieser Interviewgeber über zehn Minuten geäußert hat, dass es dem entspricht, dass wir auf diese Art und Weise ihm nicht etwas in den Mund legen.
17:24 Weil das ist aus meiner Sicht dann kein guter Journalismus.
17:26 Rainer Nigrelli: Aber hier so Weißplätze sind doch eigentlich, ich verstehe das immer als, also jetzt mal nicht ästhetisch gesprochen, sondern als Information für, Achtung, hier wurde geschnitten. Ist das nicht sogar toll für News?
17:38 Ingo Schulten: Nee, weil damit immer einhergeht, dass du etwas rausgeschnitten hast.
17:43 Rainer Nigrelli: Aber zumindest markierst du es. Also die andere Frage mal, schneidest du Interviews oder schneidet ihr Interviews und versteckt Schnitte unter anderen Bildern?
17:57 Ingo Schulten: In der 20 Uhr auch so gut wie gar nicht. Aber da sind die unterschiedlichen Sendungen ein bisschen unterschiedlich in ihrer Gewichtung. Also die TT, also Tagesthemenstücke, die sind ja in der Regel länger. Da gehst du auch in ein Thema etwas intensiver rein, auch wenn es in der 20 Uhr auch stattgefunden hat. Der Aufbau ist ein bisschen was anderes. Da hast du häufig zwei Erzählstränge. Du fängst mit einer einen Position an, hast dann im Mittelteil tatsächlich so was wie der zweite Akt, hast du so eine Ergänzung, eine andere Sichtweise und kehrst am Ende wieder zu den Protagonisten deiner Rahmenhandlung dann zurück. Und da ist es eher so, weil du da auch mehr Zeit hast, dass es auch ein bisschen magazinischer ist, dass du das durchaus dann machst.
18:37 Aber bei dieser Neutralität der Tagesschau 20 wird da auch drauf verzichtet. Also das muss ein absoluter Notfall sein, dass man das mal macht.
18:50 Rainer Nigrelli: Hast du Nachrufe schon mal vorbereiten müssen? Und Nachrufe, das kannst du ja vielleicht kurz erklären, das sind Stücke, die man vorproduzieren kann?
19:00 Ingo Schulten: Die man vorproduziert nicht soll, also macht man einfach.
19:04 Rainer Nigrelli: Man macht das einfach, weil wenn es dann soweit ist, wenn eine Person des öffentlichen Lebens gestorben ist, dann kann man schon reagieren drauf und den Beitrag direkt senden bzw. aktualisieren und dann direkt senden.
19:17 Ingo Schulten: Also wenn man 20 Uhr eben so einen Nachruf dann reinpacken will und der betroffene Mensch ist am Morgen dann gestorben, dann hätte man die Zeit, das im Laufe des Tages zu machen. Aber wenn der zwei Stunden Versendung dann tatsächlich versterben sollte, dann kann man in der Zeit dem Nachruf, wie wir die machen, nicht gerecht werden. Und deswegen sind die alle vorproduziert, in einer kurzen und langen Version, und werden auch tatsächlich über die Jahre immer wieder aktualisiert, wenn die entsprechende Person dann eben noch länger lebt.
19:52 Jan Henrik Pusch: Um die Person auch am richtigen Tag zu würdigen und nicht erst mit dem Tag Verspätung.
19:59 Ingo Schulten: Wenn am Montag die Person stirbt, dann würde die Tagesschau-Tagesthemen nie am Dienstag was machen. Das würde immer am Montag sein.
20:05 Jan Henrik Pusch: Wie berühmt muss eine Person sein, um einen Nachruf vorbereitet zu bekommen?
20:11 Rainer Nigrelli: Entscheidest du das?
20:13 Ingo Schulten: Nee, nee, gar nicht. Also A hängt immer davon ab, ob diese Person einen Bezug zur NRW hat. Also wir würden nichts machen über eine Person, die in Hessen quasi ist.
20:28 Rainer Nigrelli: Aber das liegt jetzt an deiner regionalen Ausrichtung, weil wir reden ja eigentlich über die Tagesschau. In dem Fall redest du davon, dass das regional produziert wird, das heißt der WDR produziert für seine Region Nachrufe.
20:41 Ingo Schulten: Genau, richtig. Also kann sein, dass Hamburg selber auch Sachen produziert, dann für den Norddeutschen auch, für Hamburg und sowas, aber die mit Absprache haben halt dann für Brandenburg und für Bayern und für Hessen und für Nordrhein-Westfalen die Leute, die da sind. Also Franz Müntefering, weil der halt ein Politiker aus NRW war und dann hier sein großes Schaffen gehabt hat, ist der halt, liegt er bei uns. Aber ein Söder zum Beispiel, den würden wir nie machen, was machen die Bayern dann?
21:08 Rainer Nigrelli: Ist das nicht komisch, so was zu schneiden?
21:11 Ingo Schulten: So einen Nachruf finde ich weniger komisch zu schneiden, als wenn ich bei der Love Parade was schneide. Oder bei Butterclon-Anschlag, wo du Material zu sehen bekommst, wo du 90 Prozent davon nicht senden kannst, weil das keinem Zuschauer zuzumuten ist. Und du dich acht, zehn Stunden oder länger über Tage hinweg mit diesem Material beschäftigst und du funktionieren musst. Und du dir eben nicht diesen Moment geben kannst, damit klarzukommen, was du da siehst, diese Tragödien, sondern dabei auch noch deine Emotionen zurücknehmen musst. Und das ja auch etwas ist, ich glaube, so journalistische Beiträge, gerade für eine Tagesschau 20, das mag thematisch bei dem einen oder anderen Stück, bei TT was anderes sein, da soll keine Emotionen drin sein, sondern da sollen Fakten dann rauskommen.
22:06 Und aus jeder Form von audiovisuellem Stück Emotionen da rauszunehmen, geht auch ein bisschen gegen das, warum, glaube ich, die meisten schneiden, um Emotionen zu erzeugen, ob es ein Videoclip ist, ob es eine Narration ist oder eine Dokumentation ist. Und das eben da rauszunehmen, das ist ein anderer Ansatz. Und wenn du dann etwas hast, was dir nahe geht und diese Emotionen da nie ganz rausnehmen kannst, diese Neutralität nie ganz haben kannst, das ist etwas, ich würde nicht sagen, das fühlt sich komisch an, aber das ist auch anstrengend. Und wenn man das eine Woche lang gemacht hat, sich mit so einem Thema beschäftigt hat, dann merkt man auch irgendwann abends, dass das einen einholt.
22:53 Und dann wieder eine Welle und dann kann es auch schon mal dazu kommen, dass es dann mal für eine Minute schwierig wird.
23:00 Rainer Nigrelli: Ui, ist schwer. Das ist ein schweres Thema zum Schluss. Aber ist ja noch gar nicht der Schluss. Es geht ja noch richtig weiter, oder? Mit der Sendung.
23:08 Jan Henrik Pusch: Also wir können auch gerne noch fragen, wie du damit umgehst und das verarbeitest. Vielleicht kommen wir dann in einen positiveren Flow.
23:15 Ingo Schulten: Ich verarbeite einfach deswegen, weil es ist ja auch was Befriedigendes, wenn du aus deiner Sicht gut über etwas berichtest und gut Leute informierst. Dafür sind wir ja da und das kann ich eigentlich für alle Kollegen, mit denen ich irgendwie seit 16 Jahren da zusammenarbeite und ich so kennengelernt habe. Die tun wirklich immer ihr Bestes und sie versuchen jedes Mal, einen guten Beitrag zu machen und sind sehr selbstkritisch, wenn es dann mal halt aufgrund von Umständen das Thema nicht hergibt oder die Ote nicht hergibt oder irgendwas anderes in der Welt. Und das ist, ich finde das befriedigend.
23:49 Jan Henrik Pusch: Und bist du dann zu der Zeit des Love Parade unglücks mehr joggen gegangen oder gibt es da irgendwas, wie du das erbaust?
23:56 Ingo Schulten: Nee, ich bin nach Hause gegangen und mit meiner Frau gequatscht.
24:01 Rainer Nigrelli: Reden.
24:01 Ingo Schulten: Und dann tatsächlich auch irgendwann mit, weil wir ein gewisser kleiner Kreis waren, die das gemacht haben, das war bei Butterclan genauso, dem Anschlag da in Paris, dass wir uns dann irgendwann ausgetauscht haben. Wir haben da auch nicht zu früh mit angefangen. Ich weiß nicht, ob das Selbstschutz ist, weil man weiß, wenn man dann so eine Tür aufmacht, dann wird es auch schwierig, die wieder zuzumachen. Und natürlich wie in allen Situationen, irgendwo ist es dann auch Galgenhumor. Du musst einfach zwischendurch mal lachen. Das ist wie bei einem Spielfilm. Du kannst die ganze Zeit Drama machen. Du musst einmal wieder lachen, damit du diese Spannung löst, um dann das Drama wieder aufzubauen.
24:39 Und das ist da halt genauso. Das ist nie pätetslos, was man so denken kann. Das passiert nicht. Aber zwischendurch einfach mal nach dem angehenden dummen Spruch in dem Raum, dass man einmal lacht und sich dann wieder konzentrieren auf die Arbeit.
24:52 Rainer Nigrelli: Gutes Stichwort. Ich sorge mal für Lachen. Ich bin nicht sicher, wie ich die Frage richtig stellen soll. Weil was sind deine Lieblingsnachrichten? Ich bin nicht sicher. Oder was ist dein Lieblingsnachrichtenschnitt?
25:10 Ingo Schulten: Du weißt nicht, wie ich die Frage formulieren soll. Ich weiß nicht, wie ich darauf beantworten soll.
25:13 Rainer Nigrelli: Nächste Kategorie. Gibt es irgendwelche Hacks? Gibt es irgendwelche Tipps, die du geben kannst, wenn man Nachrichten schneidet?
25:27 Ingo Schulten: Gerne irgendwie mit dem Stress umzugehen. Der Stress, den man bei anderen Sachen hat, ist ein anderer als dieses kurzfristige. Weil da ist eine unglaubliche Deadline dahinter. Und da muss jeder seinen Weg finden, das zu kompensieren und in dem Moment in den Griff zu kriegen. Weil wenn du nervös wirst, 10 Minuten Versendung, wird mit Sicherheit irgendwas schiefgehen. Das finde ich viel wichtiger als irgendwelche Technik. Weil da findet jeder für sich seine Workflows. Jeder Kollege ist da so ein bisschen anders drauf, wie er damit umgeht, wie er sich dann sortiert oder nicht sortiert oder wie er dann reinschneidet. Ich bin zum Beispiel kein Freund davon, was manche Autor dann auch meinen.
26:04 Ach komm, wir schneiden das dann rein in die Timeline, gucken, wie lange wir sind und dann nehmen wir Sachen raus. Nee, also ein 120er ist eigentlich immer gleich aufgebaut, weil das Format einfach vorgibt. Lass uns gleich so präzise wie möglich zu sein, weil wenn wir hinterher dann noch 15 Minuten wieder verlieren, damit das auf die richtige Länge zu bringen, wird es wieder knapper. Also nicht unnötige Arbeit machen.
26:26 Rainer Nigrelli: Du zwingst sozusagen vorher nachzudenken und nicht nachher.
26:30 Ingo Schulten: Richtig. Und dabei finde ich es, glaube ich, ganz sinnvoll, für mich damals, dass ich nur auf dem Zwei-Maschinen-Schnittplatz angefangen habe. Da habe ich manchmal erst ein Feature angefangen, wirklich Band zu Band kopiert und 30 Minuten so was. Und da konnte man maximal noch eine Generation weitergehen, bei damals Beta SP. Dann hast du dann einfach Qualitätsverlust gehabt. Das heißt, du musstest von der ersten Minute überlegen, was machst du eigentlich? Und ich habe dann in Studien auch einfach Studienkollegen dann kennengelernt, die zum ersten Mal geschnitten haben und sofort auf nonlinear. Und die haben halt einfach wahnsinnig viel ausprobiert. Damit konnte man auch ans Ziel, natürlich. Aber wenn man zeitgrittige Sachen macht, wie News oder Sport, funktioniert das nicht.
27:10 Rainer Nigrelli: Ich bin auch so ein nonlineares Kind, leider. Ich bin dauernd am Ausprobieren und Sachen ändern, ändern, ändern. Bei mir ist das nie direkt richtig. Du bist anders aufgewachsen. Du hast wahrscheinlich mit 16 Millimeter in der Filmschule gelernt, oder? Jan?
27:27 Ingo Schulten: Natürlich.
27:28 Jan Henrik Pusch: Nein, also das erste Projekt, was eine Minute 15 am Ende hatte, war tatsächlich ein 16 Millimeter Steenback-Projekt. Aber jetzt driften wir ein bisschen ab. Aber egal, vor allem die Tonbearbeitung fand ich natürlich total absurd, weil ich konnte beim Schneiden maximal an dem Steenback, den ich besessen habe, zwei Tonsprung gleichzeitig hören. Und das ist irgendwie wirklich etwas, was mich nachhaltig beeindruckt hat, wenn man sich das anguckt.
28:00 Ingo Schulten: Ich würde auch heute jedem, also jeder Schule, oder wo sie es immer lernen, ob es eine Filmschule ist oder Mediendesign oder sonst was, ich würde die am Anfang hinsetzen an einen zwei Maschinenschnittplatz und da sagen, da mach ich einen Film drauf. Das ist so, als wenn du schreibst und den Leuten das Wort wegnimmst, ein Block und ein Stift. Und jetzt mal hin. Du denkst anders.
28:25 Rainer Nigrelli: Schreibmaschine geht auch.
28:28 Ingo Schulten: Ja, aber es ist noch ein Unterschied, da gibt es auch Untersuchungen zu, dass dein Gehirn anders arbeitet, wenn du mit der Hand einen Stift führst, als wenn du etwas eintippst. Das ist eine direktere Übertragung darauf. Und dann formulierst du anders. Und dann lernst du auch ein anderes Schreiben, und ich glaube auch ein besseres Schreiben. Es gibt diese Untersuchungen, wenn du in einer Vorlesung bist und dann alles mittippst. Und Leute, die daneben sitzen, das handschriftlich hinschreiben. Du bist mit der Hand, bist du langsamer. Also musst du das, was du hörst, verarbeiten und zusammenfassen. Der Lerneffekt ist ein höherer, wenn du es mit der Hand mitschreibst, als wenn du es mittippst.
29:13 Rainer Nigrelli: Wir brauchen jetzt noch ein ganz, ganz tolles Statement am Schluss. Also kein Druck oder so. Vielleicht kannst du uns nochmal sagen, ob du einen Unterschied machst zwischen dem, was du in der Tagesschau machst, also aktuelle Sachen schneiden und andere Sachen. Du schneidest ja auch hin und wieder andere Sachen. Machst du da einen Unterschied?
29:30 Ingo Schulten: Die Herangehensweise ist natürlich eine andere. Wenn ich irgendwas Narratives mache oder wenn ich irgendwas mit Musik mache, dann gucke ich mir auch gerne das Material erstmal komplett an, was ich dann habe. Wenn ich News schneide, habe ich die Zeit manchmal nicht dazu. Dann geht es eher darum, nein, wir machen jetzt eine Fassung fertig, die gesendet werden kann. Und wenn dann hinterher Zeit bleibt, dann gucke ich, ob ich eine schönere Einstellung finde. Aber erstmal geht es darum, dass das inhaltlich dann rauskommt. Und wenn es um politische Themen geht, mische ich mich auch eher ein. Wenn es um bunte Themen geht, dann sage ich, lache ich drüber, lache ich nicht, aber das ist dann nicht so wichtig.
30:06 Und es ist auch eine Sache, ich hatte ja nie was damit zu tun, dass ich ein Gespräch, eine Diskussion gewinnen muss. Sondern ich will nur, dass man mich anhört. Und dass man zumindest auf die Einwendung, die ich habe, eine gute Antwort hat. Am Ende entscheidet immer der Autor, was reinkommt, was nicht reinkommt.
30:24 Rainer Nigrelli: Beziehungsweise die Redaktion dann natürlich auch noch, die drüber steht. Eigentlich bist du so eine kleine Redaktion für den Autor.
30:31 Ingo Schulten: Eine erste Instanz.
30:32 Jan Henrik Pusch: Ist damit nicht eigentlich jeder Editor beschrieben?
30:37 Ingo Schulten: Ich finde deswegen diesen Editor einen schönen Begriff, weil das ist im Amerikanischen halt der Rausgeber. Spricht eine erste Instanz, die drüber guckt und die mithilft, inhaltlich das Stück zu formen. Ich bin der Erste, der bei einer Idee, die der Autor hat, dann sagt, ob sie funktioniert oder nicht, oder ob eine Aussage funktioniert oder nicht, oder ob ich es verstehe oder nicht.
30:58 Rainer Nigrelli: Ja, super. Wir würden jetzt, was würden wir jetzt machen?
31:02 Jan Henrik Pusch: Uns erstmal bei dir bedanken für dieses Gespräch, für die Zeit. Vielen Dank.
31:07 Rainer Nigrelli: Vielen Dank, Ingo.
31:09 Ingo Schulten: Ich bedanke mich bei euch. War sehr viel Spaß gemacht.
31:11 Sprecher: Wir haben also gesehen, die Schnittmuster der Tagesschau sind von jeglicher Arabesca-Ornamentik zu reinigen. Denn auf jedem Schnitt lastet der denknotwendige Vorwurf der Zensur, des Aussparens, des manipulativen Eingriffs in die Wahrhaftigkeit. Entledigen Sie sich daher der Versuchung, die Nachricht zu verzieren und den Inhalt der Form zu opfern.
31:36 Rainer Nigrelli: Ja, also ich fand's mega. Ich bin jetzt Filme-Herausgeber. Schreibe ich jetzt auf meine Visitenkarte.
31:41 Jan Henrik Pusch: Ja, ich finde es bei ihm halt irgendwie gut, weil er ist halt wirklich eher aus dem journalistischen Kommt, gefühlt von mir, und er ist ja so ein, so jemand, er will auch wirklich den Anspruch, den er an eine Nachrichtensendung hat, die er gerne guckt, die legt er auch bei dem an, was er tut.
32:02 Rainer Nigrelli: Ja, man distanziert sich ja, also viele Leute distanzieren sich von dem, was sie tun, und das ist bei ihm eben gar nicht gegeben. Also er steht da voll dahinter, weil er das A gerne guckt und B gerne macht.
32:15 Jan Henrik Pusch: Genau, da ist einfach keine Distanz zwischen ihm und dem, was er macht.
32:20 Rainer Nigrelli: Wenn ihr Fragen habt, Anregungen oder Feedback, dann schreibt gerne eine E-Mail an info-add-credit-to-the-edit.de und abonnieren könnt ihr uns natürlich auch, beziehungsweise sollt ihr auch. Ihr findet uns auf iTunes, Spotify, Google Podcasts und so weiter und so fort. Ihr könnt uns da bewerten und auch was in die Kommentare schreiben. Jan? Ja. Was machen wir denn jetzt das nächste Mal? Mit wem sprechen wir? Also folgender Vorschlag. Wir suchen uns jemanden im Internet, der YouTube-Filme schneidet.
32:55 Jan Henrik Pusch: Hauptsache Filmherausgeber.
32:57 Sprecher: Sie haben gesehen, Filmschnitt ist also gar nicht zu kompliziert. Und denken Sie immer daran, Totalen 6 bis 8 Sekunden stehen lassen, Nahaufnahmen 4 bis 6 Sekunden und Großaufnahmen nur etwa für 3 bis 4 Sekunden.




