Der Podcast über Filmschnitt
Sitzt der Schnitt?

Sonderfolge „Bauchgefühl“

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“Breaking Bad”? Mega! “Better Call Saul”? Auch nicht schlecht! Jede gute Serie macht ein Spin-Off. Wir auch!

“Der Schnitt sitzt – weiß ich einfach!”

Woher wissen Filmeditor:innen eigentlich, wann sie genau schneiden müssen? Montage ist ein entscheidender Aspekt, der das Tempo, die Spannung und die Emotionen, aber auch die Dramaturgie einer Szene/eines Films/eines YouTube-Clips beeinflusst. Erfahrene Editor:innen haben ein intuitives Gespür dafür, wann der perfekte Moment gekommen ist, die Einstellung zu wechseln/den Take auszuwählen/den Outpunkt zu setzen. Es scheint, als würden sie dafür ihr Bauchgefühl nutzen, um diese Entscheidung zu treffen.

Tatsächlich ist dieses Phänomen keine reine Magie, sondern hat eine wissenschaftliche Grundlage. Unser Gehirn ist ein äußerst leistungsfähiger Informationsverarbeiter, der nicht nur auf rationale Überlegungen angewiesen ist, sondern auch auf unbewusste Prozesse zurückgreift. Dieser Mechanismus ermöglicht es uns, intuitiv die richtigen Entscheidungen zu treffen, ohne bewusst darüber nachdenken zu müssen.

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zu Gast

Und genau darum geht es in der diesmaligen Sonderfolge zum Thema “Bauchgefühl”. Ilka Risse, mit der wir uns bereits über den Musikvideo-Schnitt unterhalten haben, hat hierfür diese Sonderfolge redaktionell begleitet. Dafür hat sie mit diversen Kolleg:innen aus dem Filmbereich, aber auch mit Vertreter:innen anderer Disziplinen wie Psychosomatik und Musikdidaktik gesprochen. Zusammen mit Ilka besprechen wir, ob man “Bauchgefühl” erlernen kann.

Sitzt der Schnitt?
Sitzt der Schnitt? Credit: IMAGO / United ArchivesErfahrung

Timeline-Shortcuts

00:15Anmoderation 03:46Gesprächsstart / Was ist Bauchgefühl? 14:32Rhythmus 27:32Emphatie 44:34Erfahrung 55:00Abmoderation

Danke an alle Mitwirkenden O-Ton-Expert:innen

Regisseure

Editor:innen

und

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00:03 Sprecher: Heutiges Thema die Filmmontage in Theorie und Praxis.

00:16 Rainer Nigrelli: Ja hallo und herzlich willkommen zu Credit to the Edit, dem Podcast über Filmschnitt. Hier sprechen wir mit FilmeditorInnen aus allen Genres. Und das Beste daran ist, wir sind selbst Filmeditoren. Mein Name ist Rainer Nigrelli.

00:29 Jan Henrik Pusch: Und mein Name ist Jan Henrik Busch.

00:32 Gast: Und heute gibt's eine dritte in der Runde. Mein Name ist Ilka Risse und ich darf heute eine Gastfolge mitgestalten.

00:41 Rainer Nigrelli: Du bist Filmeditorin und wir kennen dich aus einer vergangenen Folge. Und zwar hast du in den 90ern, Entschuldigung, dass ich es wieder betone, Musikvideos gestitten. Aber darüber freuen wir uns sehr, denn du hast Bekanntschaft gemacht mit DJ Bobo und erzählst da unter anderem davon, wie du Musikvideos gestitten hast. Heute geht es aber um was ganz anderes.

01:04 Gast: Genau. Heute geht es um das Bauchgefühl. Und zwar beschäftigt mich das schon seit einer ganzen Weile, weil auch ich ja irgendwann mal angefangen habe in diesem Beruf und eine Frage, die ihr vielleicht auch mal gestellt habt oder auch mal gestellt bekommen habt, ist, woher weißt du eigentlich, wann du schneiden musst? Also das heißt, man hat die ganze Theorie gelernt, man kennt sich auf seinem System aus, aber genau dieser eine Moment, in dem der Schnitt sitzen soll, dieses eine Frame mehr oder weniger, das möchte man wissen und es kann einem eigentlich keiner wirklich erklären bzw. die Antwort, die man bekommt, ist, das weiß man einfach oder eben, ja, das ist so ein Bauchgefühl und ich fand das immer sehr frustrierend, weil Bauchgefühl kann man nicht lernen und dann ist man eigentlich am Ende mit dem Gespräch und am Ende mit dem Input und dem Lernen und Lehren.

01:57 Rainer Nigrelli: Ja, entweder man kann es oder man kann es nicht.

02:00 Gast: Genau.

02:00 Jan Henrik Pusch: Aber jetzt sind wir schon total tief drin, in dem, worum es geht. Ich glaube, wir müssen kurz mal noch erklären, was das jetzt für eine Folge ist, auf was wir uns hier einlassen, was jetzt auf uns zukommt. Naja, also es ist eine Sonderfolge, so wie wir ja schon manche Sonderfolge hatten und diesmal aber nicht mit O-Ton von vorherigen Gästen von uns, sondern von O-Ton, die Ilka uns mitgebracht hat.

02:31 Gast: Und zwar habe ich schon vor einer ganzen Weile Leute zu diesem Thema interviewt und es sind dieses Mal auch nicht nur Editoren und Editorinnen, sondern es gibt auch Regisseure, die zu Wort kommen und eine Musikerin, die zu Wort kommt und aus diesem ganzen Potpourri habe ich ein paar O-Töne zusammengeschnitten, die wir einspielen, über die wir uns dann kurz unterhalten können und ja, das alles mit dem Ziel herauszufinden, was das Bauchgefühl eigentlich ist und ob man es lernen kann.

03:05 Rainer Nigrelli: Klingt mega.

03:07 Jan Henrik Pusch: Und ob man es braucht.

03:09 Rainer Nigrelli: Ich würde sagen, wir starten mal, bevor wir starten, vielen Dank an Adobe für die Unterstützung. Oh, ich sehe, Ilka möchte was sagen.

03:17 Gast: Ich habe eine Wortmeldung.

03:18 Rainer Nigrelli: Bitte sag doch was.

03:19 Gast: Ja, ich möchte nämlich noch sagen, dass einer unserer Gäste mit dem Enhance Speech, dem AI Rauschunterdrückungstool von Adobe bearbeitet wurde und wer herausfindet, wer das ist, der gewinnt Ruhm und Ehre. Los geht's.

03:39 Jan Henrik Pusch: Ja, vielen Dank noch an VG Bildkunst, Stift und Kulturwerk, die uns auch wieder unterstützen.

03:44 Rainer Nigrelli: Vielen Dank und wir starten.

03:53 Gast: Der erste Gesprächspartner, den ich gefragt habe, woher er denn weiß, wann er schneiden muss, ist Kai Kniepkamp. Den kenne ich auch noch aus meiner Musikvideozeit. Sehr, sehr lange her. Und der alte Mann antwortet mal der alten Frau auf die Frage.

04:11 Sprecher: Woher ich weiß, wann ich schneiden muss? Im Ernst, also ich glaube, es ist nicht so eine Sache des Wissens, sondern eher so eine Melange aus einerseits Erfahrung, Instinkt, Rhythmusgefühl, Neugier.

04:26 Gast: Das sagt der Kai.

04:28 Rainer Nigrelli: Also Neugierde und Instinkt.

04:30 Gast: Erfahrung, Instinkt, Rhythmusgefühl und Neugier. So fasst er es zusammen.

04:35 Rainer Nigrelli: Also ich glaube, wenn ich mir das so anhöre, ja, aber noch sehr vage. Also ja, Erfahrung natürlich. Neugierde ausprobieren. Instinkt, es geht wieder Richtung Bauchgefühl. Man weiß nicht so richtig, wie man das lernen kann. Man weiß es einfach.

04:53 Jan Henrik Pusch: Ich glaube, dass die Dinge ja alle schon mit drin sind. Was mir gerade direkt kommt, ist die Empathie kommt noch hinzu, weil man ja auch mit diesem Schnitt etwas aussagen möchte und empathisch empfinden muss, was das ist. Insgesamt ist die Frage, wann ich schneide ja eh auch immer ein bisschen. Die Frage geht es nur darum, wann ich schneide oder auch einfach, was ich schneide. Also ich habe ja auch immer noch eine Auswahl.

05:21 Rainer Nigrelli: Das ist doch Quatsch Jan, das ist doch völlig egal, was du schneidest. Ja natürlich, scheint auch wichtig zu sein, aber das gehört ja auch zum Bauchgefühl, für was man sich entscheidet.

05:30 Gast: Also es gab auch einige der InterviewpartnerInnen, die erstmal filmtheoretisch geantwortet haben und gesagt haben, naja und ich weiß natürlich, wenn ich den Überblick brauche, dann gehe ich in die Totale und so. Aber diese Sachen waren eigentlich nicht genau das, was mich interessiert hat, sondern wirklich dieser Moment, wann sich aus dem Bauch, durch den Arm, in die Hand, auf die Maus dieser Moment, wenn der Auslöser kommt, den Schnitt zu setzen. Und ich habe zwei Editorinnen noch gefragt. Die eine ist Sabine Rottmann, die schneidet hauptsächlich szenische Projekte. Und Elena Bromund, auch eine Frau, die ich noch aus meiner Musikvideozeit kenne.

06:16 Sprecher: Das kann ein ganz simples Gefühl sein. Also, dass ich jetzt den anderen Gesprächspartner endlich auch mal sehen will. Es kann sich aber auch tatsächlich so eine gewisse Art von Aufgeregtheit einstellen. Also, ja, jetzt wird es rund, jetzt bin ich in der Szene drin. Das hat irgendwie Fluss. Und wo dann dieser Schnitt ist, das ist tatsächlich das Bauchgefühl.

06:35 Sprecher: Das passiert immer mal, wenn ich in irgendwelchen Screenings bin und meine Arbeit bis dahin zeige. Und dann plötzlich den Film mit den Augen meiner gerade anwesenden Mitzuschauer sehe. Dann spüre ich meistens sofort, an welcher Stelle muss noch was passieren. Wo muss ich irgendwas anders schneiden, anders erzählen, weil ich so eine Art Energie im Raum spüre.

07:05 Rainer Nigrelli: Also ich habe Fluss gehört, wenn dann Fluss vorhanden ist. Dann hat man sich sozusagen für die richtigen In- und Out-Punkte entschieden. Und das andere, was war das Energie im Raum, wenn man es mit den Augen der anderen schaut. Aber das klingt eher wie so eine Analyse schon. Also es klingt eher wie so ein Danach, dass man es danach überprüfen kann, ob man sich richtig entschieden hat.

07:28 Gast: Ja, da käme die Empathie ins Spiel, von der Jan eben gesprochen hat, dass man anhand der Reaktionen der Zuschauer eine Analyse vornimmt.

07:36 Jan Henrik Pusch: Ja, aber es hat ja auch oft was damit zu tun, was ich sozusagen damit aussagen will. Zum einen ist es ein Bauchgefühl, das ist völlig klar. Und das ist ja das, wo du meintest, der eine Frame mehr oder weniger. Aber es ist ja ganz oft auch, ich will eine bestimmte Sache betonen, also setze ich die vielleicht noch kurz vor den Schnitt. Oder ich setze sie kurz nach den Schnitt. Ich tue mich so ein bisschen schwer, es immer nur auf das Rhythmische und auf das Intuitive zu tun. Ich habe so den Eindruck, es gibt ja einfach sehr viele Dinge, nachdem man das auch entscheidet.

08:12 Rainer Nigrelli: Wahrscheinlich ist es das, dass es super komplex ist, dass es aus, ich weiß nicht, 100 Parametern besteht, warum man sich für etwas entscheidet. Und ich glaube, das gibt einfach nicht dieses Wort 100-Parameter-Entscheidungs-Prozess. Bedeutet bei uns halt Bauchgefühl, würde ich jetzt sagen. Ich glaube, es ist nicht nur Emotionen, sondern das, was wir jetzt schon gehört haben, Erfahrungen auch.

08:35 Gast: Aber ihr wisst schon, was ich meine, oder? Kennt ihr das nicht, dieses Gefühl, was sich wirklich einstellt im Körper, wenn man sagt, ja, genau so. Wenn du im Trimmmodus bist, ganz banal gesprochen und du lässt es durchlaufen und dann wird es ein Frame mehr und ein Frame weniger und dann siehst du auf einmal an, guck mal, es müssen doch plus drei sein und dann ist es genauso, wie ich es wollte.

08:53 Rainer Nigrelli: Ja, ich finde es ja wahnsinnig schwer zu erklären. Also daran merkt man ja, dass es so kompliziert ist, weil man weiß es, es ist aber schwer kommunizierbar.

09:04 Gast: Genau und das versuchen wir hier gerade zu lösen.

09:07 Rainer Nigrelli: Ach, deswegen machen wir das hier. Ich habe mich gerade schon gefragt, warum wir hier wieder…

09:12 Gast: Pass auf, vielleicht kommen wir dieser Idee so ein bisschen näher, wenn wir überhaupt mal fragen, was denn eigentlich die Definition von Bauchgefühl ist. Das hilft ja manchmal, wenn man vorher erst mal klärt, worüber man eigentlich überhaupt spricht. Und das habe ich gefragt, den Herrn Sven Steffes-Holländer, der ist Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Chefarzt der Heiligenfeldklinik in Berlin.

09:36 Jan Henrik Pusch: Echte Expertise.

09:38 Sprecher: Also Bauchgefühl beschreibt ja das, was wir als Menschen primär als intuitive Fähigkeiten zur Verfügung haben. Also manche würden das bezeichnen als den gesunden Menschenverstand beispielsweise, manche als eine intuitive Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen ein Gefühl für eine bestimmte Situation zu entwickeln, also etwas Instinkthaftes, was gar nicht so stark rational erklärbar und steuerbar ist und auch die Fähigkeit zu recht schnelle Einsicht in Zusammenhänge zu entwickeln, ohne analysieren zu müssen, inwieweit das eine rationale Fundierung hat und tatsächlich auch die Fähigkeit, spontan gute, stimmige und passende Entscheidungen zu treffen.

10:34 Gast: Jetzt.

10:36 Rainer Nigrelli: Also ohne Analyse hat mich jetzt gerade getriggert.

10:39 Gast: Ja, ne, genau. Also das Wort, was er nicht sagt, aber was ich immer so zwischen den Zeilen höre, ist unbewusst. der ist gedanklich schon auf Netflix.

10:53 Rainer Nigrelli: Nein, nein, der denkt, das rattert wie verrückt und gleich, boom.

10:57 Jan Henrik Pusch: Ich bin tatsächlich so ein bisschen davon fasziniert gewesen, dass er hat das ja nämlich an gar nicht so richtig auf… also bei ihm geht es ja kaum um Film. Bei ihm geht es ja eher um das allgemeine Bauchgefühl. Und der Punkt, der bei seiner Beschreibung ja am ehesten kam, ist, wenn wir Menschen kennenlernen, haben wir ja auch sofort irgendwie ein Bauchgefühl. Und das ist ja einfach etwas, was so viele Dinge aus der Erfahrung, aus irgendwas mitbringt, was wir gar nicht beurteilen können. Und das ist, glaube ich, ja etwas, wie sehr darf man sich aufs Bauchgefühl verlassen und wie sehr nicht. Und wie sehr wären wir verloren, wenn wir kein Bauchgefühl hätten.

11:37 Rainer Nigrelli: Bei mir ist das auch sehr analytisch. Also, ich weiß sozusagen, es geht um eine bestimmte Aussage, die man transportieren will, eine Emotion, die man übertragen will. Und die suche ich dann und die versuche ich herauszuschälen oder die versuche ich zu finden. Und das sind dann so bei Schauspielern oft einfach Bedeutungseinheiten, so würde ich es jetzt nennen. Also, da spielt die Persongefühl X und das erkenne ich da. Und dann weiß ich, da startet es und da endet es. Und In- und Out-Punkte werden dann vielleicht sowas.

12:07 Gast: Aber trotzdem musst du ja genau dieses Gefühl für dich entwickeln und wissen, dass das genau der Take ist, in dem die Emotion gespielt wird, die du möchtest, um deine Geschichte zu erzählen. Die Frage und ein Experiment, was Elena zum Beispiel auch nochmal wieder auf den Tisch gebracht hat, ist, wenn ein und derselbe Film von unterschiedlichen Editorinnen geschnitten wird, wird er anders werden am Ende. Und da wird es Leute geben, die sagen, ich finde den gut und ich finde den nicht so gut und ich finde das richtig oder das finde ich nicht richtig und das ist ja genau dieser Punkt, um den es mir geht, weil natürlich kann mehr oder weniger jeder analytische Entscheidungen treffen, wie wann gehe ich in einen Close-Up, wann gehe ich in eine Totale.

12:49 Aber ich glaube, dass es von Person zu Person Unterschiede gibt im Auswählen genau dieses einen Takes. Warum packt mich der und warum ist es genau der und warum glaube ich, dass das genau der richtig ist, obwohl jemand anderes das vielleicht ganz anders sieht.

13:04 Jan Henrik Pusch: Und die spannende Frage da, die mir sich direkt aufdrängt, ist nicht nur, dass jede Person oder jeder unterschiedliche Editor oder Editorin es anders machen würde, sondern würde man selber an einem anderen Tag es vielleicht auch anders machen.

13:20 Gast: Bestimmt.

13:21 Jan Henrik Pusch: Das Analytische, das glaube ich, das wäre ja etwas, was man immer wieder reproduzieren kann, was man wahrscheinlich tagesformunabhängig ähnlich hat, aber das Bauchgefühl ist das, was dann sozusagen vielleicht auch unterschiedlich ist.

13:37 Gast: Ja, das kann ich mir schon auch vorstellen, dass das tagesformabhängig ist.

13:40 Rainer Nigrelli: Das stimmt.

13:41 Gast: Bei Kais Aussage bin ich persönlich bei dem Rhythmus hängen geblieben und die Filmemacherin, Dozentin und Autorin Karen Perlman berichtet nämlich zum Beispiel auch auf den Rhythmus runter. Das Buch heißt Cutting Rhythms, Intuitive Film Editing und die fasst das zusammen, also sinngemäß, ich habe das mal aus dem Englischen sinngemäß übersetzt, intuitives Schneiden als etwas, das sich aus dem Bewusstmachen der Rhythmen der Welt und des eigenen Körpers entwickelt.

14:12 Rainer Nigrelli: Also Welt und Körper als Bezug.

14:15 Gast: Da habe ich mal zwei Regisseure gefragt, Zoran Bihaj und Christoph Mangler, ob man denn Rhythmik lernen kann oder Rhythmusgefühl.

14:23 Sprecher: Unser Herz, wenn es schlägt, hat es ja einen Rhythmus. Und so sind alle Dinge, die wir machen, folgen einem bestimmten Rhythmus auch. Auch ein Dialog, da hat ja Rhythmus. Pausen sind rhythmisch oder keinen Rhythmus haben, ist genauso rhythmisch. Weißt du, was ich meine? Und deshalb ist es total wichtig und das muss man spüren als Cutter, das musst du wirklich spüren.

14:47 Gast: Aber glaubst du, dass man das lernen kann?

14:52 Sprecher: Nein, man kann Rhythmusgefühl nicht lernen.

14:58 Gast: Kann man Rhythmusgefühl lernen?

15:00 Rainer Nigrelli: Also, ich pflege an dieser Stelle immer zu den Jan zu fragen, was er denn bei der Bewerbung an der Filmschule machen musste. Ist das nicht so, dass du da rumtanzen musstest?

15:12 Jan Henrik Pusch: Das langweilt alle, die unseren Podcast kennen, diese Frage rein. Von daher beantworte ich das nur ganz kurz. Ja, an der Filmschule wurde darüber gesprochen, ob das Rhythmusgefühl abgeprüft werden sollte. Und schlussendlich war es eigentlich keine große Prüfung gewesen, weil die Ansicht doch ist, dass ein Rhythmus, glaube ich, jeder Mensch hat. Man muss vielleicht den richtigen Zugang dazu finden. Etwas anderes mag Musikalität sein, aber Rhythmus an sich hat schon jeder Mensch, meine Meinung.

15:50 Rainer Nigrelli: Ja, aber Jan, stell dir mal vor, ein unrhythmischer Mensch spielt in einem Orchester und trifft nicht das Timing, trifft nicht die Schläge. Das gehört ja auch zu Rhythmusgefühl. Natürlich hat jeder einen Rhythmus, aber ob der Rhythmus zu, in dem Fall zum Orchester, zur symphonischen Musik passt, das ist eine andere Frage.

16:10 Jan Henrik Pusch: Das sind wir dann nicht eher in der Musikalität.

16:14 Rainer Nigrelli: Das weiß ich nicht, aber es ist auf jeden Fall dieses, sich rein fühlen können in Rhythmus, das glaube ich wichtig.

16:21 Jan Henrik Pusch: Also ich glaube, da bin ich total bei dir. Es wird, oder Ilka, du wolltest gerade was dazu sagen.

16:27 Gast: Ich freue mich gerade total, ich bin ein lachendes und ein weinendes Auge, weil ihr spielt mir hier voll rein in den nächsten O-Ton, der kommt. Andererseits habe ich gerade überlegt, ob wir den einfach weglassen, weil nämlich Maxi Heinicke, die ist Musikerin und Didaktikerin, die sagt was ganz Ähnliches, aber Rainer, das was du gesagt hast zu diesem unrhythmischen Mann, ich ärgere mich gerade ein bisschen, weil ich habe einen O-Ton von Maxi rausgelassen. Erinner mich doch gleich bitte nochmal an den Körperklaus, dann zitiere ich sie daraus vielleicht nochmal. Aber vorher kann Maxi ja mal kurz sagen, ob sie glaubt, ob man Rhythmusgefühl lernen kann.

17:00 Rainer Nigrelli: Ja, selbstverständlich nicht, würde ich jetzt sagen.

17:02 Sprecher: Keiner ist passé erstmal unrhythmisch. Natürlich gibt es immer welche, denen rhythmische Parameter mehr liegen und wenn wir jetzt überlegen, ok, warum liegen die dem einen mehr, es hat entweder mit zu tun, dass er vielleicht schon als kleines Kind viel Musik hatte, das heißt Musik in der Bewegung. Ich glaube, das ist wichtig, ich glaube, das ist eine Grundparameter, die ich nie wegnehmen würde, immer zu sagen, die, die schon früh musikalisch geprägt worden sind, mussten über die Bewegung geprägt worden sein, das heißt, da muss irgendwas im Körper gewesen sein und das ist so eine Grundvoraussetzung, wie ich ja unterrichte, das heißt, ich gehe ganz viel über den Körper, das klingt immer so beknackt, also es klingt immer so wie, ich tanze meinen Arm, was ist es nämlich alles überhaupt nicht, sondern es geht viel mehr darum, wenn ich bestimmten Puls in meinem Körper fühle, wenn ich eine bestimmte Sache in meinem Körper fühle, dann kann ich darüber auch was transportieren und dann kann ich das viel sicherer einsetzen.

17:51 Rainer Nigrelli: Ich bin übrigens richtig schlechter Tänzer, wollte ich in der Stelle noch sagen.

17:55 Gast: Ich finde diese Idee, dass man ein Rhythmusgefühl, sagen wir mal, abfragt, weiß ich jetzt nicht, ob das der richtige Begriff ist, aber für mich persönlich wäre das ehrlich gesagt ein ziemlich guter Ansatz oder es vielleicht sogar auch als Vorlesungseinheit zu haben.

18:11 Rainer Nigrelli: Absolut.

18:12 Jan Henrik Pusch: Ich glaube, dass man dieses, das was wir ja eben auch gesagt haben, seine Verbindung dazu herzustellen, zu einem Rhythmus, zu seinem Rhythmusgefühl, das ist bestimmt total wichtig.

18:22 Gast: Absolut. Dazu hat auch Sven Steffes Holländer was gesagt, also eigentlich exakt das, was du gerade gesagt hast, war schon die perfekte Anmoderation.

18:32 Sprecher: Das Körpergefühl hat jeder Mensch, aber nicht jeder Mensch hat den Zugang zu seinem eigenen Körpergefühl. Da benutzen die Formulierungen mein Körper und ich, als wären das irgendwie getrennte Entitäten. Und im Umkehrschluss ist es natürlich möglich, die Körperwahrnehmung zu verbessern. Beispielsweise achtsamkeitsbasierte Ansätze gehen in die Richtung, da spielt die Körperwahrnehmung eine große Rolle, auch beim Yoga, auch bei anderen Entspannungsverfahren, wo es bewusst um die Konzentration auf Körperempfinden geht. Das ist in diese Richtung auch nutzbar. Absolut.

19:15 Jan Henrik Pusch: Kann ich viel mit anfangen, Rainer, was ist mit dir?

19:19 Rainer Nigrelli: Ich lese daraus, man kann es lernen, indem man auf den Körper achtet, man kann es mehr mit sich verbinden oder man hat einen direkteren Zugang dazu. Ich erinnere mich da übrigens gerade daran, dass uns Alex Berner gesagt hat, in der Sonderfolge glaube ich, wie wird man Filmediter, ich glaube, er sagt uns, nicht jeder kann das werden. Also er ist der Überzeugung, das kann nicht jeder. Und ich frage mich jetzt gerade, unabhängig von diesen diplomatischen Skills, die er mit Sicherheit auch meint, ob er das auch beim Bauchgefühl anwenden würde. Ich vermute ja und ich frage mich sozusagen gerade, ist es jetzt erlernbar oder nicht?

19:56 Gast: Also wenn wir den Vorrednern so ein bisschen folgen, habe ich jetzt für mich oder jetzt auch für diesen Podcast so ein bisschen strukturiert in den Rhythmus, wo wir uns jetzt gerade die ganze Zeit mit auseinandergesetzt haben, die Empathie und die Erfahrung und Rhythmus oder das eigene Körpergefühl, das kann man auf jeden Fall stärken und ein bisschen füttern mit bestimmten Übungen und so. Und das, was du eben gesagt hast, das ist mit jemandem, der kein Rhythmusgefühl hat und der spielt in einem Orchester. Maxi hat in dem Zusammenhang gesagt, dass es erstmal wichtig ist, dass jeder seinen eigenen Rhythmus für sich findet. Ob der jetzt einem übergeordneten Rhythmus entspricht oder nicht, ist erstmal gar nicht wichtig.

20:42 Aber jeder muss es erstmal für sich spüren. Und dann hat sie nämlich eben gesagt, ist es aber nun mal spannend, wenn man so jemanden, der sich in der Disco wie Körperklaus bewegt und man fragt sich, oh Gott, oh Gott, was hat er denn? Hat sie gesagt. Wenn man den dann zum Beispiel in eine Band steckt, ob das funktioniert, ob der sich einfühlen kann, ob der empathisch ist zu sehen, was für ein Rhythmus haben denn die anderen, kann ich da mitgehen? Nein. Also das heißt, das ist das, was wichtig ist, dass man seinen eigenen inneren Rhythmus findet. Das kann man ein bisschen trainieren, wie er Steffas Holländer gesagt hat, mit Achtsamkeitsübungen und, und, und.

21:18 Und ganz konkrete Übungen, musikalische Übungen hätte Maxi parat.

21:24 Sprecher: Ich fange viel mit Bodyperkussion an, mach Grundschlag und dann sagst du zum Beispiel, ich möchte auf die Eins und die Drei schlagen. Eins, Drei, ne? Und genauso kannst du es komplexer machen. Und da ist der Trick, immer mit Sprache arbeiten. Und da arbeiten wir mit dem Rhythmus Amsel, Drossel, Fink und Stare. Da ist es einfach nur, der Grundrhythmus ist Amsel, Drossel, Fink und Stare. So, und jetzt kann ich die ja anders betonen. Amsel, Drossel, Fink und Stare, Amsel, Drossel. Ich kann die Drossel weggelassen, ich kann die anders betonen, dann bestimmte Späße zu machen. Also, ich klatsche jetzt den einen Rhythmus mit, wo ich denke, das ist ein cooler Rhythmus.

22:07 Zum Beispiel das, ja. Und jetzt nehme ich was weg aus dem Rhythmus. Und dann mache ich ja… Weil dann fange ich an zu musizieren. Dann versuche ich zwar den Grundschlag beizubehalten, aber jetzt bin ich raus aus ein paar Schlägen. Ah, kann ich die Lücke aushalten? Halte ich die Lücke aus? Kann ich die zum Beispiel mit meinem Körper ausgleichen, dass ich weiß? Jetzt klatsche ich wieder.

22:39 Gast: Amsel, Drossel, Fink und Stare. Hausaufgabe.

22:44 Jan Henrik Pusch: Auf jeden. Ich habe noch eine wichtige Frage zum Körper, Klaus, wenn ich das kurz einbringen darf. Ist es nicht fach spannender, den Körper, Klaus, nicht in einen Orchester zu stecken, sondern ihn seinen eigenen Film machen zu lassen, weil dann der Film einfach viel spannender wird?

23:04 Gast: Das ist die Frage. Das ist die Frage. Aber das Film machen ist hier nun mal auch keine One-Man-Show. Und du musst ja auch erkennen und umgehen mit dem Rhythmus, den dir die anderen Gewerke mitgeben. Die SchauspielerInnen, die Kameraführung. Das zählt ja alles mit rein. Also es ist natürlich eine Frage des eigenen inneren Systems, was funktionieren muss. Aber natürlich auch aufnehmen und erkennen und umsetzen dessen, was die anderen dir an Rhythmik vor und mitgeben.

23:34 Rainer Nigrelli: Aber ich glaube tatsächlich, das ist der Unterschied.

23:37 Jan Henrik Pusch: Absolut. Aber er ist sozusagen, das verstehe ich in einer gewissen Art und Weise. Aber er ist ja in dem Moment der Editor und er zieht diesen Rhythmus ja diesen ganzen Film überdurch. Er kann nicht gegen einen Film arbeiten, ist völlig klar. Aber wenn er seinen Rhythmus mit dem Film verbunden bekommt, ist es spannender, als wenn auch mal etwas anders ist, als wir es sonst immer erleben. Also das.

24:11 Rainer Nigrelli: Ich treffe es auf die Spitze. Da ist so ein Genius am Start, der gerade neu im Game ist und schneidet.

24:18 Jan Henrik Pusch: Nennen wir ihn Klaus.

24:25 Rainer Nigrelli: Der Editor Body, Körper und Klaus. Also diese Person ist wahnsinnig gut im eigenen Rhythmus haben. Aber die Welt versteht nicht so genau, wie diese Person funktioniert. So und jetzt bekommt die einen Film und macht das eigentlich auch ganz okay. Aber zum Beispiel beim Musikschnitt, wo ein Popsong hin muss, der klappt halt hinten und vorne nicht. Da ist tatsächlich dann die Frage, was ist denn jetzt das Maß der Dinge? Und ich glaube, da bin ich ein bisschen mehr bei Ilka, was das angeht, dass man sagt, naja, es ist eben nicht nur der eigene Rhythmus, sondern auch Empathie oder sich da rein reindenken können, fühlen können, das übernehmen können und so.

25:08 Absolut.

25:08 Jan Henrik Pusch: Dann sind wir aber an einer Stelle, wo sozusagen wirklich rhythmusgebende Dinge mit in den Film kommen, wie Musik. Wenn es einfach nur um den Rhythmus der Bilder geht, kann ich das noch nicht so ganz nachvollziehen.

25:23 Rainer Nigrelli: Aber die Bilder haben ja auch in sich Rhythmus, die Sprache hat in sich Rhythmus. Also das meine ich. Ich meine es jetzt nur, das Musikbeispiel ist so klar, weil man dann einfach sagen würde, Moment.

25:34 Gast: In dem Zusammenhang ist ganz interessant, dass nicht nur die Leute, die ich jetzt gefragt habe, sondern auch, wenn man sich diverse Bücher durchliest, viele internationale Editorinnen sagen, dass sie eine musikalische Vergangenheit haben. Also dass sie beispielsweise ein Instrument spielen oder tanzen. Die Sabine, die wir schon gehört haben, die hat zum Beispiel zehn Jahre lang Querflöte gespielt. Elena hat getanzt und spielt ein Instrument und ist Yogalehrerin. So viel zum Körpergefühl. Und Kai, der Schlagzeug spielt, den habe ich noch gefragt, was sich denn in seinem Körper tatsächlich einstellt, wenn er das Gefühl hat, dass der Schnitt funktioniert oder wie er arbeitet.

26:16 Sprecher: Also was sich in meinem Körper einstellt, sind eher körperliche und geistige Verrenkungen. Also ich tanze buchstäblich den Schnitt am Platz mit, was für Außenstehende etwas ungewöhnlich ist, wenn ich da auf dem Stuhl hin und her ruckele oder komische Wellen schlage, den Kopf hin und her drehe.

26:31 Gast: Also ich habe mir selber noch nicht so wahnsinnig viel beim Schneiden zugeguckt, aber ich bin da auch sehr, sehr nah dran.

26:39 Jan Henrik Pusch: Also bei mir ist es so, ich glaube, ich habe noch nie einen Schnitt geguckt, ohne da mit zu zappeln in irgendeiner Form, ob es die Hände sind oder ob ich sogar extra aufstehe oder wie auch immer. Also ich glaube, das macht doch jeder.

26:55 Rainer Nigrelli: Vorschlag, wir haben ja einen Instagram-Account. Lass uns doch mal drehen für fünf Minuten, wie wir so schneiden und die besten Momente zusammen schneiden. Ich glaube wirklich, das ist lustig, wie wir da mitgehen. Ist ja tatsächlich nicht vorstellbar, tun wir aber.

27:08 Gast: Bestimmt, ja.

27:09 Rainer Nigrelli: Es ist hoch emotional, was wir da tun, auch wenn wir gerade zurzeit nur diese Maus in der Hand haben und ein paar Shortcuts drücken, aber man ist da komplett drin.

27:24 Gast: So, jetzt haben wir lange genug über Körper und Rhythmus und so gesprochen und würden zu dem nächsten Blog kommen, die Empathie. Dazu habe ich als erstes noch mal die Gäste und Gästinnen, wie ihr so schön sagt, gefragt, was es denn braucht, um eine gute Editorin oder ein guter Editor zu sein. Und hier kommt noch ein weiterer Gast dazu. Das ist der Regisseur Daniel Lwowski.

27:56 Sprecher: Ich glaube, eine Sache ist Flow, gar nicht so Rhythmus auch, aber ein Flow, wie er so jetzt rein handwerklich wie er steht funktioniert, ist ein Flow, Belehmungsschnitt und so weiter. Aber ich glaube, diese Empathie ist das, wenn du was erzählen willst, also was ein Gefühl erreichen willst. Da brauchst du Empathie und nur wenn du das Gefühl selber fühlen kannst, dann kannst du es auch erzählen, glaube ich.

28:18 Sprecher: Es braucht Einfühlungsvermögen, Diplomatie ist wichtig, Flexibilität, Kompromissbereitschaft.

28:24 Sprecher: Man braucht unheimlich viel Sitzfleisch, Durchhaltevermögen, Liebe zum Detail und man muss ein Perfektionist oder eine Perfektionistin sein.

28:35 Sprecher: Ich habe als Kind in einer ziemlich lebhaften Phantasiewelt gelebt. Mein ganzes Zimmer war mehr oder weniger ein riesiger interplanetarischer Raumschiffbahnhof, mit dem sogar das Bügeleisen von meiner Mutter als Patrouillenschiff immer herumflog. Und was ich dann gemacht habe, war immer so mein Lieblingsschiff. Das habe ich halt immer wieder starten lassen und habe mir dann auch wirklich immer diesen Startvorgang aus unterschiedlichen Perspektiven angeschaut. Das heißt aber jetzt nicht, dass man schon als Kind irgendwie zum Editor oder Filmemacher geboren sein muss. Aber ich glaube, es hilft auf jeden Fall, eine ziemlich bunte Fantasiewelt im Kopf zu haben, Sachen sich vorstellen zu können und sie vorher zu durchleben. Also das ist ja auch Teil unseres Schnitts, dass wir die Szenen vorher schon empfinden, bevor wir sie überhaupt reingeschnitten haben.

29:17 Also da darf es halt eben dieser sogenannten emotionalen Intelligenz und auch Empathie.

29:23 Rainer Nigrelli: Oh, das war viel. Aber ich habe Empathie gehört, das überschreibt.

29:29 Gast: Könnt ihr mitgehen bei, das ist Teil unserer Arbeit, dass wir die Szenen vorher schon empfinden, bevor wir sie überhaupt reinschneiden?

29:36 Jan Henrik Pusch: Sehr schön, dass du das ansprichst. Weil natürlich ist das etwas, wo man sagen muss, das ist glaube ich auch jedes Mal wieder anders bei jeder Szene. Manchmal hat man ein genaues Gefühl, wie sie sein wird und manchmal entwickelt es sich. Aber ein gewisses Ziel existiert schon immer, ja.

29:57 Rainer Nigrelli: Ich stelle mir immer das Gegenteil vor, wenn jemand sich nicht einfühlen kann in etwas, wie unmöglich das wäre, das zu tun. Also nehmen wir dieses Beispiel Dustin Hoffman, der Autist in Rain Man. Da weiß man ja, dass diese Personen je nach Ausprägung immense Probleme haben, empathisch zu sein und Dinge, die für uns selbstverständlich sind, überhaupt nachvollziehen zu können. Und die versuchen das händeringend zu lernen, um in der Gesellschaft funktionieren zu können. Aber das ist natürlich dann nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Deswegen würde ich sagen, es ist unabdingbar. Man kann nicht ohne schneiden, weil man sich eben rein fühlen muss, Dinge verstehen muss, nachvollziehen können muss und so.

30:41 Gast: Du hast jetzt gerade schon fast ein bisschen die Antwort gegeben auf die Frage, ob man denn Empathie lernen kann. Und da ist natürlich das Beispiel mit den Autisten sehr gut und auch genau richtig. Es heißt, es gibt für eine bestimmte Gruppe Menschen Tools, Handwerkszeug, was man mit an die Hand geben kann. Und den Herrn Steffas Holländer habe ich das auch gefragt. Und da war ich zuerst kurz ein bisschen erschrocken, weil ich dachte, okay, alles klar, ist das Gespräch auch schon wieder zu Ende. Denn der hat Folgendes zur Empathie gesagt.

31:13 Sprecher: Was angeboren ist, ist ja die Empathiefähigkeit. Das heißt, wenn ich auch nicht nur Bilder sehe, entwickle ich automatisch auch dazu passende Emotionen.

31:26 Gast: Das heißt, Empathie kann ich nicht lernen. Das habe ich und kann es vielleicht verstärken, kann es vielleicht ein bisschen trainieren.

31:32 Sprecher: Ja, wir haben ja Spiegelnargone. Wenn ihnen jetzt gegenüber was auf den Kopf fällt, dann zucke ich zusammen. Das ist Empathie. Also ich empfinde unwillkürlich, ohne dass ich plane, das Gefühl, was sie entwickeln, wenn ihnen was passiert. Das ist ja kein bewusst gesteuerter Prozess, sondern erst mal eine Fähigkeit.

31:58 Gast: Schon wieder so eine unbewusste Fähigkeit, die wir irgendwie haben. Aber diese Spiegelneuronen, also so wie ich es verstanden habe, kann man tatsächlich nutzen, um die Empathie vielleicht zumindest ein bisschen anzufüttern, weil man sich natürlich Dinge auch abgucken kann und lernen kann, weil man sich andere Filme anguckt und sieht, wie funktionieren die und warum funktioniert da eine bestimmte Emotion gut, wie haben die das gemacht. Karen Perlman, von dem wir eben schon gesprochen haben, hat einen Begriff dafür, den fand ich ganz gut, der heißt nämlich szeneastische Empathie.

32:33 Rainer Nigrelli: Film-Schlauheit würde ich das nennen.

32:36 Gast: Habt ihr irgendwas, also habt ihr was Konkretes, von dem ihr sagt, ja das habe ich mir abgeguckt, weil ich das bei einem Schulterblick bei Kollegen gesehen habe, oder aus einem Film heraus.

32:48 Jan Henrik Pusch: Oh Rainer, jetzt bin ich gespannt.

32:49 Rainer Nigrelli: Also ich bin ja sehr, sehr, sehr filmschlau. Entschuldigung, ich wollte nur ein Gag machen. Also ich gucke viele Filme und das hatte mich vor kurzem ein Autor gefragt, weil ich dem erzählt hatte, dass ich eine Teenie-Web- Coming-of-Age-Horrorserie mit mystischen Elementen geschnitten habe. Ob mir das schwer gefallen sei, weil ich das ja nicht jeden Tag mache. Ich habe das zusammen mit einem Kollegen gemacht und wir gucken unfassbar gerne Horrorfilme. Das hat sich tatsächlich überhaupt nicht schwer angefühlt, sondern es war einfach, ja super, jetzt können wir das machen, was wir in unseren Köpfen sowieso die ganze Zeit machen. Wir wissen schon, wie das funktionieren muss, damit etwas Angst macht und so.

33:28 Deswegen war das eher spielerisch. Das, glaube ich, haben wir uns dann angelernt.

33:32 Jan Henrik Pusch: Aber die Frage ist doch, musst du dafür die vielen Horrorfilme, die du geguckt hast, analytisch gucken oder musst du sie einfach nur gucken und dann ist es in dir drin?

33:41 Rainer Nigrelli: Beides, wahrscheinlich. Ich glaube beides. Also, weil ich kenne das, ich kenne das von wiederum einem anderen Kollegen, dem ich jetzt unterstellen würde, der nicht diese Empathiefähigkeit hat, diese cineastische Empathie, aber eine technische Fähigkeit, sich Dinge anzueignen. Sprich, ich habe gemerkt, der guckt sich die Timeline an. Der guckt einfach, wie ist das aufgebaut? Was liegt denn da? Aha, da liegt ein Sound auf der Halsspur und der Höhepunkt ist anscheinend da und da liegen dann auf einmal ganz viele Sounds und dann wird es hier wieder leise. Also, der guckt sich es tatsächlich analytisch, technisch aber auch an. Und ich sehe das dann immer, wenn dann was rauskommt, dass das noch nicht ist, was es sein könnte.

34:22 Und ich glaube, da fehlt dann sozusagen ein bisschen von dieser cineastischen Empathie.

34:28 Jan Henrik Pusch: Der hat sich sozusagen nicht deinen Film angeguckt, sondern nur deine Timeline.

34:31 Rainer Nigrelli: Genau, genau. Also ich glaube, es gibt natürlich auch diese Art von Schlauheit, sich Dinge anzueignen. Aber das war mehr von der technischen Seite aus. Und ich glaube, da fehlt dann halt noch was. Und man sieht das dem Ergebnis an. Das ist dann zwar technisch da, aber ich sehe dann noch ganz andere Dinge, die man damit machen könnte. Und ich glaube, das habe ich dann wiederum quasi mir angeeignet durch diese ganzen Filme. Übrigens ganz toll, wenn die Gondeln Trauer tragen, falls das jemand gucken möchte und noch nicht geguckt hat, ganz tolle Horrorfilme.

35:06 Gast: Ich kenne den natürlich.

35:08 Rainer Nigrelli: Genau, Ilka müsste den ein-kennen.

35:10 Gast: Hab ich nicht geschnitten, aber fast. Ich hatte eine Anfrage.

35:13 Rainer Nigrelli: Der ist übrigens ganz, ganz toll geschnitten auch.

35:16 Jan Henrik Pusch: Und besonders wird sich der Regisseur vorher Kameramann und setzt dann auf das besondere Stilmittel des Schnitz. Fand ich einen sehr interessanten Aspekt an dem Ganzen.

35:28 Rainer Nigrelli: Zurück zum Thema. Ich bin abgedriftet, oder? Entschuldigung.

35:31 Gast: Genau. Ich würde mal noch die Frage danach, ob man Empathie lernen kann, einmal von dem Herrn Steffes Holländer beantworten lassen.

35:39 Sprecher: Also es gibt ja den Begriff der Alexi-to-me, also der Gefühlsblindheit oder der Schwierigkeit, Gefühle differenziert auszudrücken. Und wenn Menschen sehr stark rational orientiert sind und wenig Kontakt zur eigenen Intuition haben, dann macht man es in der Therapie so, dass man primär auf nonverbale Therapien geht, die eher ausdruckszentriert sind wie Tanz, wie Musik, wie Kunst. Und das kann ja eine Brücke darstellen, also auch Musiktherapie beispielsweise.

36:14 Gast: Musiktherapie, da hat Maxi tatsächlich auch eine ganz gute Idee. Es gibt ein Buch, das heißt Heute Bin Ich von Mies van Hout. Ich weiß nicht, ihr habt auch Kinder, vielleicht kennt ihr das. Ansonsten kann ich das schwerstens empfehlen. Der hat Fische gezeichnet, die in unterschiedlichen Gefühlsstadien zu sehen sind. Und die benutzt Maxi, um Empathievermögen zu checken, zu lernen in ihren Gruppen, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Und das geht dann so.

36:48 Sprecher: Die gibt es auch als Postkarten. Ich habe mir die sofort als Postkarten geholt, weil dann steht immer hinten drauf, wie sich der Fisch befindet, in welchem Zustand. Und ich teile die in Gruppen aus und sage dazu, okay, tausche in der Gruppe aus, was könnte mit dem Fisch sein? Und dann überlegt euch eine Bewegungs- Fortbewegungsart als Fischschwarm. Also jeder von euch als Fischschwarm ist zum Beispiel depressiv oder nervös oder glücklich oder verliebt. Und sie hat was mit dem Gesicht zu tun und sie hat was mit dem Körper zu tun. Und ich kann gerade dort ganz gut sehen, wie jemand gut sich reinversetzen kann, eine Szene, aber auch gut ablesen kann.

37:20 Dass du für zwei, die ich dann mache, okay, dass ich sage, okay, wie klingt denn so ein depressiver Fisch, um uns über Klänge auszutauschen. Oder aber ich sage, okay, jetzt singen wir ein Lied. Und wenn ich die Gruppe, die ich angucke, die singt in ihrem Struktur, wie sie sind. Also fange ich immer an, heute kann es regnen, stürmen oder schreien. Dann gucke ich zum Beispiel die Gelangweilten an, denn du schreist ja selber wie ein stacher Schwein. Und dann gucke ich die wütend an, heute ist dein Geburtstag, darum feiern wir. Und jetzt feiern die komplett ab. Aber was ich dazu brauche, um eine Spielkur zu spielen, ist ein Empathievermögen.

37:52 Und das kann ich darin üben, weil ich daran sehen kann, so bewegst du dich, wenn du verliebt bist. Hä, das sieht bei mir ganz anders aus und wir unterhalten uns über den Zustand.

38:02 Rainer Nigrelli: Okay, aber das heißt, man kann das trainieren, so übersetze ich es mir gerade.

38:06 Gast: So verstehe ich das auch, ja. Also und dieses Buch, das ist wirklich toll. Also wenn man das Gefühl hat, es fehlt einem dann noch so ein kleines bisschen und man sich nicht ganz blöde dabei vorkommt, könnte man auch das natürlich versuchen, sich anhand von Gesichtsausdrücken wie Vokabeln zu lernen, Emotionen in den Körper hineinschaffen.

38:26 Rainer Nigrelli: Ja und mich hatte das vorhin getriggert, das muss früh begonnen sein, dass das natürlich von Vorteil ist, wenn du das als Kind schon mitbekommen hast, weil du es dann einfach schon in dir hast.

38:39 Gast: Ich überlege gerade, ob ich das richtig zusammenkriege, was Herr Steffens Holländer dazu gesagt hat, nämlich, dass es natürlich einen Unterschied macht, wie viel man an empathischen Gegenüber auch schon als Kind zu Hause hatte. Also, ob da viel gesprochen wird über Emotionen, ob da einem viel Emotionen entgegengebracht werden und ob das dann Gute sind oder ob das nur negative Rückmeldungen sind, die man bekommt als Kind. Das spielt natürlich auch eine große Rolle und spielt vor allen Dingen, das hast du, glaube ich, vorhin gesagt, Jan, auch eine Rolle dafür, ob man sich selber auf sein eigenes Bauchgefühl verlässt. Ob das auch im eigenen Elternhaus gut gestützt und angereichert worden ist oder ob man so viele Negativerfahrungen auch im eigenen Haushalt gemacht hat, dass man sich ganz sicher nicht auf sein Bauchgefühl verlässt.

39:25 Rainer Nigrelli: Ja, absolut.

39:28 Gast: Und Kai wieder hat noch eine Ebene mit da reingebracht bei der Frage der Empathie. Das hatten wir eben auch schon mal ganz kurz angesprochen, dass es ja nicht nur darum geht, dass ich selber etwas in dem Material entdecke und die Idee habe, es muss jetzt in der Geschichte so und so weitergehen und diese Art von Emotionen generiert werden, sondern es geht ja auch darum, dass man Empathie hat für die Menschen, die neben einem sitzen.

39:53 Sprecher: Das ist der Regisseur oder der Produzent oder in meinem Fall eben auch die Agentur, den Kunden. Und da sagt immer ein befreundeter Produzent, wir Editorin sein auch Diplomaten, nämlich wir müssen den Schnitt auch politisch betreiben. Also am Anfang fangen wir an mit unserer Meinung oder unserem Gefühl, müssen dann aber dann auch die des Regisseurs mit berücksichtigen und auch im seinsinne handeln und dann später aber auch diese Meinung nicht komplett revidieren, sondern weiter vertreten mit der Agentur, aber wiederum auch deren Seite zu verstehen, eben Sachen zu verkaufen bis hinnein zum Kunden.

40:23 Sprecher: Das ist ja dann die Herausforderung, Konsens zwischen unterschiedlichen Bauchgefühlen herzustellen. Da kann ich ja immer nur selbst der Referenzpunkt sein, weil primär meine eigene Wahrnehmung die Nulllinie ist. Also ich setze das ja in Beziehung zu meiner eigenen Wahrnehmung. Korrigieren sie mich gerne, aber ich stelle es mir ähnlich vor wie in der Schauspielerei. Also wenn ich bestimmte Emotionen abrufe, stammen die ja aus dem Repertoire meines Lebens.

40:54 Sprecher: Dass du das abrufen kannst, den Instinkt. Das heißt, es geht nur, wenn du die Dinge beherrschst. Du kannst ja nur dann instinktiv reagieren und handeln und arbeiten, wenn du weißt, was du machst.

41:12 Gast: Wenn du über den Rest nicht nachdenken musst. Der Herr Steffes Holländer sagt das so schön, das ist die Herausforderung, den Konsens zwischen unterschiedlichen Bauchgefühlen herzustellen. Und das erlebe ich wirklich sehr, sehr oft, dass man mit der Regie zusammensitzt und sagt, der Schnitt muss dahin. Und die Regie sagt dann, nee, mach mal ein bisschen später. Und du sagst, nein, der muss genau dahin. Oder sei es auch einfach nur aufgrund einer empathischen Haltung zu verstehen, was der Kunde oder die Agentur dir gerade vermitteln möchte. Weil eine Aussage, die man ja oft bekommt, ist, ja, das hat irgendwie noch nicht den richtigen Flow. Oder, das erreicht mich noch nicht.

41:51 Aber auch die können ja selten explizit erklären, woran das liegt. Und das ist ja eben auch ein Teil der Empathie, dann herauszufinden, was er denn genau damit meint mit, das hat noch nicht den richtigen Flow.

42:02 Rainer Nigrelli: Mir hilft immer zu verstehen, was das für eine Person ist und was sie für ein Interesse hat. Also wenn eine Redaktion in den Schneideraum kommt und man weiß, dass ich das fünfte Projekt bin von denen am Tag oder so. Oder, dass die ganz anderen Stress haben, weil der Chef gerade irgendeinen Etage gekürzt hat der Redaktion. Solche Dinge, wenn man das alles mitdenkt, versteht man auch, wenn dann auf einmal so was kommt wie, ja, also das ist wirklich ein ganz schrecklicher Film, den ihr da geschnitten habt. Weil vielleicht meint, meint die Person auch nicht nur unbedingt genau diesen Film jetzt, sondern meint auch die Gesamtsituation, die Stimmung, aus der sie gerade kommt.

42:41 Gast: Ja, bestimmt, aber das muss man dann eben für sich übersetzen können in ernsthafte Änderungsvorschläge.

42:48 Rainer Nigrelli: Ja, also da gehört dieses Mitempfinden komplett dazu, weil wenn ich jetzt nur rein dramaturgisch denken würde und sagen würde, nee, der Schnitt sitzt genau hier richtig, dann ist das trotzdem noch nicht fertig, der Film, weil dieser Konflikt dann noch aussteht mit der Redaktion, mit wem auch immer, mit Regisseur, mit der Regisseurin.

43:07 Jan Henrik Pusch: Also da, wo wir jetzt stehen, ist ja dann eigentlich das Begründen des Bauchgefühls. Wenn dann mehrere Leute beteiligt sind, ist das ja immer das Entscheidende. Das haben wir ja auch schon häufiger gehört, dass es sozusagen darum geht, dass schlussendlich jeder Schnitt dann doch begründet werden muss. Er kann vielleicht mit Bauchgefühl entstehen, aber begründet werden können muss ja am Ende dann oft doch, weil es ja sozusagen unterschiedliche Ansichten gibt.

43:38 Gast: Ich glaube, so was ähnliches hatte doch der Alexander Berner auch in seiner Folge gesagt. Er hat gesagt, er hat einfach immer die richtigen Argumente.

43:46 Rainer Nigrelli: Er kann jeden Schnitt begründen.

43:47 Gast: Aber reicht das dann, wenn du sagst, das ist so ein Bauchgefühl, der muss da hin, der Schnitt.

43:50 Jan Henrik Pusch: Auf keinen Fall.

43:51 Rainer Nigrelli: Genau, eben nicht. Er meint ja, er kann ihn begründen. Das heißt, er hat auch Argumente dafür. Ich finde das eine gute Herangehensweise, um sich sicher zu machen. Also wenn man jetzt wirklich weiß, man hat etwas geschnitten, das rein nach Bauch geschnitten und kann es noch nicht begründen, dann macht man sich auch angreifbarer. Er meint quasi, wenn man das kann, das etwas begründen, dann ist man auch sicher.

44:15 Gast: Ich glaube, ich habe den letzten O-Ton von Zoran. Der hat, glaube ich, nicht so ganz damit reingepasst. Deswegen habe ich es wahrscheinlich inhaltlich ein bisschen überstrapaziert. Aber der hat einfach so eine super Überleitung gegeben zu unserem letzten Blog zur Erfahrung, weil er nämlich gesagt hat, du kannst ja nur dann instinktiv reagieren und handeln und arbeiten, wenn du weißt, wie du scheiß. Also Cuttersign oder Cutterin-Sign hat ja mehrere Ebenen.

45:04 Sprecher: Das eine ist, du musst ein Programm bedienen können, dann bist du quasi ein Cutter, der einen Schnitt machen kann. Aber darum geht es nicht. Es ist ja diese Metaebene, dass du kreativ quasi auch denken musst, was zeigst du eigentlich dem Zuschauer und was denkt der Zuschauer. Und das ist ja das, was über viele Jahre Erfahrung kommt.

45:07 Sprecher: Deswegen ist Cutter ja auch nicht ein Beruf, der quasi ausgelernt ist, wenn man mal irgendwie ein Tutorial für Premiere gemacht hat.

45:09 Sprecher: Ja, es ist so eine Mischung aus Erfahrung als Editorin. Es ist eine Mischung aus Lebenserfahrung. Es ist mein Interesse wirklich daran, wie Leute ticken und was Menschen antreibt.

45:24 Sprecher: Ich bin eher bei Fernsehspielen oder Serien und da bemerke ich bei mir, dass ich eigentlich bei jedem Projekt was dazulerne und deshalb dann auf Erfahrung zurückgreifen kann. Und das, glaube ich, kann man dann insofern schon lernen.

45:42 Sprecher: Das, was ich wirklich in den letzten Jahren immer wieder feststellen musste, ist, dass das Lernen einfach nicht aufhört. Also bei aller Erfahrung selbst, wenn man das 30 Jahre lang macht, hört dieses Lernen nie auf. Und das setzt sich mit jedem Projekt weiter fort. Und man muss es immer wieder hinterfragen und immer noch nicht sagen, ja, ich habe das jetzt immer so gemacht und deswegen wird das weiter so sein. Denn alles vermeintliche Wissen und Können wird mit dem nächsten Film komplett auf den Kopf gestellt.

46:09 Rainer Nigrelli: Ja klar, natürlich hilft das, wenn man über Erfahrungen verfügt aus dem Leben oder auch aus dem Filmschnittbereich. Also das hat uns Gisela Maarten zum Beispiel gesagt, die Erfahrung, dass man schon mal weiß, dass man sowas geknackt hat, hilft einem natürlich, dass man auch keine Angst davor hat, das nächste Mal das wieder zu schaffen. Allein sowas ist ja auch eine Art von Erfahrung. Aber ich glaube, darum geht es hier nicht. Es geht mehr um diese Erfahrung aus dem Leben schöpfen.

46:34 Gast: Genau, Jan, da hattest du auch in eurer Sonderfolge Wie wird man Film-Editorin was ähnliches gesagt, als du über deine Ausbildung gesprochen hast.

46:42 Rainer Nigrelli: Ilka, du hast ja alles genau angehört.

46:48 Gast: Nein, aber da hast du was ähnliches gesagt. Du hast auf jeden Fall auch davon gesprochen, dass man Lebenserfahrung hat.

46:54 Jan Henrik Pusch: Das ist eine Überzeugung, die ich bis heute habe. Ich weiß nicht, ob es darum das Bauchgefühl geht, was dadurch nämlich gestärkt wird, aber das glaube ich auch. Aber das, was ich bisher immer gedacht hatte, ist, dass es ja auch um das Geschichten erzählen geht. Dementsprechend, genau, ich glaube, bin davon fest überzeugt, dass es Sinn macht, dass man schon etwas zu erzählen hat, bevor man in unserem Beruf arbeitet.

47:21 Rainer Nigrelli: Ja, und das Lernen hört nicht auf. Das fiel ja auch noch, dass das dann letztendlich irgendetwas zu tun hat mit einem Bauch, der sich dann entscheidet, das spielt wahrscheinlich auch unwissentlich mit dazu. Wobei du ja meintest, vorhin Unterbewusstsein oder so was.

47:37 Gast: Also zwischendrin habe ich mal gedacht, man müsste eigentlich, wenn man fertig ist mit seiner Ausbildung, dann müsste man einmal so geblitzdingst werden. Das ist das wie bei Man in Black. Alles wird einmal...

47:45 Rainer Nigrelli: Alles vergessen.

47:46 Gast: Alles vergessen. Und nur da, wo man es ihm nicht bewusst herholen kann, bleibt es weiter drin. Und das ist dann eben genau das, was man braucht. Alles, was wir jetzt reingekriegt haben in den Körper, wie man denn dann das tatsächlich auch ins Projekt reinkriegt, das habe ich dann zum Schluss auch noch mal die beiden Regisseure gefragt.

48:04 Sprecher: Ich glaube, es geht darum, dass man es zulassen muss. Und das ist beim Schnitt genauso. Wenn du fühlst, da muss der Schnitt hin. Und jemand fragt, warum dann? Naja, merkst du das denn nicht? Ja, dann kannst du das nur weitergeben, dass jemand wach sein soll und seinen Gefühlen folgen muss.

48:23 Sprecher: Auch auf das Gefühl hören, auf das Bauchgefühl hören zu analysieren, warum fühlt es sich noch nicht so an, bei mir oder bei jemand anderem. Probieren, ich schneide jetzt hier nicht, wie fühlt es sich dann an und so weiter. Und dann, je mehr man das macht, desto mehr geht es wieder ins eigene Bauchgefühl, weil das Bauchgefühl ist ja eigentlich nichts anderes als Erfahrung. Erfahrung testen, probieren und ausprobieren, und das kann man den jungen Editoren sagen. Stellt euch gegen die Regeln, also wisst, wie die Regeln sind. Punkt eins, weil dann weißt du, wie man sich standardmäßig was, was technisch okay ist, handwerklich okay ist und dann aber nur weiterkommen zu gehen, wenn du dich wieder von den Regeln entfernst und spannender schneidest.

49:00 Sagen, ich muss nicht drei Schritte haben, ich muss nicht zehn Schnitte haben in einer Minute oder so weiter, sondern ich kann auch mal 100 Schnitte oder gar keinen schnitt fahren.

49:09 Gast: Mensch, hätten wir den Daniel mal sofort gefragt, oder? Bauchgefühl ist nichts anderes als Erfahrung.

49:16 Rainer Nigrelli: Easy. Merkst du das denn nicht? Super, das werde ich jetzt immer sagen, wenn ich denke, dass ich recht habe. Merkst du das denn nicht? Hör doch mal auf dich.

49:26 Jan Henrik Pusch: Und wenn dann dein Gegenüber dasselbe sagt, merkst du das denn nicht, dann hat man verloren. Dann ist die Diskussion sehr schnell, sehr emotional.

49:36 Gast: Das wäre dann das Klassische, wir sind nicht auf einer Wellenlänge und rufen uns nie wieder gegenseitig an.

49:43 Rainer Nigrelli: Ja, oder zwei haben Recht. Also wie wir vorhin gesagt haben, wenn unterschiedliche Editorinnen das gleiche schneiden, kommt was Unterschiedliches bei raus. Das Bauchgefühl bedeutet ja nicht, dass etwas richtig ist per se. Darum geht es ja gar nicht.

49:58 Gast: Ich könnte noch die kleine Kurve da hinschlagen, warum denn das Bauchgefühl Bauchgefühl heißt, beziehungsweise ob es da tatsächlich einen Zusammenhang gibt zwischen dem Kopf und dem Bauch.

50:11 Rainer Nigrelli: Jetzt bin ich sehr gespannt.

50:12 Gast: Jetzt muss ich ein bisschen ablesen, pass auf. Es ist nämlich tatsächlich erwiesen, dass das Gehirn und der Magen-Darm-Trakt über die sogenannte Darm-Hirn-Achse miteinander kommunizieren. Und zwar kommunizieren die unter anderem mit den Mikroorganismen im Darm. Und amerikanische Wissenschaftler haben Folgendes gemacht. Die haben älteren Frauen, also die postmenopausal sind. Es ging nur darum, dass es erfahrene Menschen sind und deren Gefühlswelt nicht so sehr hormonell beeinflusst ist. Deswegen haben sie sich postmenopausale Frauen ausgesucht. Denen haben sie eine Stuhlprobe entnommen und haben sich angeguckt, wie die Bakterien in ihrem Körper aussehen und haben dann diese Frauen befragt, wie die so mit ihrem Leben umgehen, wie sie mit Schicksalsschlägen umgegangen sind, ob sie Gefühle herauslassen oder ob sie die in sich reinfressen.

51:05 Und dabei ist rausgekommen, dass bei gut gelaunten Menschen die schlechten Bakterien im Darm abnehmen und nicht irgendwelche Bakterien, sondern die Bakterien vom Bauchgefühl. Und was ansteigt ist, dass Vitamin B5, die Pantothensäure, kennt man von der B-Panthenen-Creme, die wirkt heilend. Das heißt also, dass die gute Laune sich tatsächlich auf die Bakterien auswirkt, die wiederum Auswirkungen auf unser Bauchgefühl haben.

51:37 Rainer Nigrelli: Ja mega. Ich hätte eine Hausaufgabe für alle ZuhörerInnen. Mich würde wirklich noch interessieren, ob das was westliches ist, dieses Bauchgefühl. Also ob das wirklich sich in andere Sprachen auch übertragen lässt. Ist das Bauchgefühl in anderen Ländern auch wirklich ein Bauchgefühl oder ist das ein Herzgefühl?

51:57 Jan Henrik Pusch: Also ich hätte auf jeden Fall ein Bauchgefühl zu der allerersten Frage, die Ilka uns gestellt hat. Und zwar die Rauschunterdrückung. Ich glaube, da sind wir jetzt schon, dass wir die mal beantworten müssen, oder?

52:12 Rainer Nigrelli: Kannst du das? Ich hätte jetzt gesagt, mein Bauch sagt mir, das war ganz am Schluss, aber irgendwann habe ich keine Ahnung.

52:18 Jan Henrik Pusch: Ich glaube, das war der Herr Holländer.

52:21 Rainer Nigrelli: Nein. Ich dachte, das wäre ganz am Schluss was, aber es klang alles so hervorragend, Ilka. Deswegen haben wir da überhaupt nicht drüber nachgedacht.

52:28 Gast: Es gibt ein paar Stellen, die sich anhören, als hätte ich da die Töne schlecht geschnitten, aber das hat, ach nee, das darf ich nicht sagen, dass das Tool von Adobe da reingerendert hat.

52:39 Rainer Nigrelli: Was? Das macht keine Fehler. Ich glaube, das kann man sagen. Das ist ja, ist das nicht sogar eine Beta noch?

52:46 Gast: Ja, ist es noch, genau.

52:46 Rainer Nigrelli: Also ist das nicht völlig in Ordnung? Deswegen, das wird dann in der nächsten Version super sein.

52:51 Gast: Soll ich sagen, wer es war? Wer da bearbeitet wurde? Der Daniel Lwowski war das. Ich kann das nicht mehr verbinden, aber der war irgendwo in vielen, der letzte, der allerletzte. Ja, richtig.

53:04 Rainer Nigrelli: Habe ich es nicht gesagt, habe ich es nicht gesagt.

53:06 Gast: Ach so, den meintest du, hast nur den Namen verwechselt.

53:08 Jan Henrik Pusch: Nein, der hat einfach irgendwie möglichst offen geantwortet, um recht zu behalten.

53:12 Rainer Nigrelli: Genau, es war der erste, letzte Mitte in der dritte.

53:14 Gast: Okay, du gewinnst den Link zu dem Tool.

53:21 Rainer Nigrelli: Super, das gefällt mir. So, haben wir denn geklärt jetzt? Also darf ich noch so uns allen eine Frage stellen? Der Praktikant klopft, die Praktikantin klopft in die Tür und sagt Hallo Ilka, Hallo Jan, du, also ich wollte einfach nur mal fragen, ich hätte jetzt Zeit nächste Woche, dürfte ich mich mal einen Tag neben dich setzen? Was würde ihr antworten?

53:45 Jan Henrik Pusch: Rainer, das haben wir in der letzten Sonderfolge besprochen, dass du ein unmöglicher Mensch bist, der bei sowas nein sagt und ich auf jeden Fall sagen würde, ja komm rein.

53:58 Rainer Nigrelli: Das stimmt nicht, also ich würde dem nicht ja, also ich würde dem nein, doch du hast recht, ich würde nein sagen. Aber jetzt sagt ihr doch mal, also wie würdet ihr das diesen Praktikantinnen beibringen? Wie schneidet ihr, warum schneidet ihr an dieser Stelle und nicht an der anderen?

54:11 Gast: Aber Moment mal, darüber haben wir uns doch jetzt die letzten 50 Minuten unterhalten.

54:16 Rainer Nigrelli: Das heißt, du würdest einfach diese Podcast-Folge rauspacken?

54:19 Gast: Ja, ich würde sagen, herzlichen Glückwunsch, du hast einen Link gewonnen.

54:24 Rainer Nigrelli: Okay, ich glaube, da müssen wir jetzt wirklich nichts mehr hinzufügen. Ilka, vielen Dank für die Sendung, die du vorbereitet hast, ja mega. Wir machen das weiter. Ich fand jetzt vor allen Dingen sehr bereichernd, dass das aus unterschiedlichsten Disziplinen kam. Das ist natürlich auch ganz toll.

54:38 Gast: Ich habe jetzt natürlich nach dem, was du gesagt hast, nur Zweifel, ob das Ganze überhaupt zielführend war. Aber das sollen die Hörerinnen entscheiden.

54:48 Rainer Nigrelli: Das war sehr zielführend.

54:49 Jan Henrik Pusch: Auf jeden Fall auch von mir. Vielen Dank, Ilka, für das Zusammentragen und das wunderbare Moderieren.

54:55 Gast: Sehr gerne. Vielen Dank, dass ich das machen durfte.

54:58 Rainer Nigrelli: Wollen wir jetzt einfach mal so einen Trenner abspielen und dann sprechen wir weiter? So Jan, die Ilka ist weg. Jetzt können wir ja in Ruhe über Ilka sprechen und wie wir das fanden.

55:14 Jan Henrik Pusch: Machen wir jetzt die Abmoderation ohne Ilka?

55:17 Rainer Nigrelli: Ilka hört uns ja nicht mehr, oder? Doch, Ilka ist noch da. Ja, wie machen wir denn jetzt weiter?

55:25 Jan Henrik Pusch: War das nicht eben schon die Abmoderation? Haben wir nicht Tschüss gesagt und Danke und so?

55:28 Rainer Nigrelli: Nö, wir würden jetzt uns ja nochmal Tschüss sagen und Dankes und wie wir weitermachen.

55:32 Gast: Ich hätte sonst noch den Vorschlag gemacht, nachdem wir ja gehört haben, dass die fröhlichen Menschen ein besseres Bauchgefühl haben. Hören wir das Ganze auf wie in einer 3-Fragezeichen-Folge und machen alle drei zusammen so ein Fake-Lacher. Ich sehe in euren Gesichtern, ihr seid keine 3-Fragezeichen-Hörer.

55:47 Rainer Nigrelli: Wie funktioniert das? Also das heißt, die lachen immer so am Schluss oder was?

55:50 Gast: Ja, auch manchmal einfach ohne Grund und total übertrieben und dran vorbei. Aber es muss gelacht werden am Ende einer Folge.

55:59 Rainer Nigrelli: Bevor das Ende eingeläutet wird, würden wir gerne nochmal drauf hinweisen, dass wir auf Instagram zu erreichen sind. Dort kann man uns ganz viele Nachrichten schicken. Mails gehen auch für diejenigen, die diesen Kommunikationskanal bevorzugen. Und fragt uns doch oder sagt uns doch mal, worüber wir noch sprechen könnten.

56:16 Jan Henrik Pusch: Und ansonsten freuen wir uns auch immer, wenn ihr uns auf unserer Webseite besucht, credit to the edit.de. Und ansonsten wollen wir uns auch noch bei Adobe bedanken, die uns auch diesmal wieder unterstützt haben und bei der VG Bildkunst Stiftung Kulturwerk.

56:37 Rainer Nigrelli: Und jetzt wäre die Frage, wie wir die Sendung beenden. Ich hätte einen Witz und da könnten wir dann glaube ich zum Bauchgefühl, unser Fake-Lachen einsteigen. Der Spruch geht so, immer wenn ich auf mein Bauchgefühl höre, öffnet sich die Kühlschranktür.

56:53 Sprecher: Sie haben gesehen, Filmschnitt ist also gar nicht zu kompliziert. Und denken Sie immer daran, ein jeder Film schließt grundsätzlich mit einer Ablende.

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