Der Podcast über Filmschnitt
Episodencover Folge 18: Konzertfilm – Credit to the Edit Podcast

Konzertfilm

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Die Schnitt-Geschichte eines Konzerts

Jeder kennt Konzertfilme! Sie geben einem die Möglichkeit, im Nachhinein bei einem Konzert dabei zu sein, ohne dabei gewesen zu sein.

Konzertfilme halten also fest. Sie konservieren und dokumentieren. Es gibt jene mit protokollarischem Anspruch, die kaum gestaltet sind und direkt in ein Archiv wandern könnten. Wir wollen den Fokus aber auf jene mit filmischen Anspruch lenken. Also auf diejenigen Konzertfilme, bei denen man etwas nacherleben kann. Oder sogar etwas neues erleben kann, was man als Besucher des eigentlichen Konzerts gar nicht erleben konnte.

So etwas wie “Woodstock” von Michael Wadleigh, dem legendären Dokumentarfilm über das Woodstock-Festival, das im Übrigen u.a. von Martin Scorsese und Thelma Schoonmaker montiert wurde. Diese Art von Konzertfilmen protokollieren nicht nur, sondern sie sind gestaltet und erzählen etwas.

Aber wie genau erzählen Konzertfilme? Und wer erzählt diese Filme eigentlich? Wir finden: Es sind nicht nur die Regisseur:innen, sondern auch die Konzertfilmeditor:innen. Und mit einem Vertreter dieser Berufsgattung sprechen wir in der diesmaligen Ausgabe unseres Podcasts.

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Unser Gast

Martin Gallo Schmidt begeistert sich schon als Jugendlicher für den Konzertfilm und für das Musikmachen. Später studiert er an der Hochschule Düsseldorf Medientechnik und arbeitet seitdem im Postproduktionsbereich technisch begleitend aber auch kreativ als Filmeditor. Er verantwortet den Schnitt einiger Konzertfilme aus der Telekom Street Gigs-Reihe wie Depeche Mode, Coldplay und den Red Hot Chili Peppers. Oder jüngst das 2019er-Konzert von Bilderbuch.

Martin Gallo Schmidt

Der Lichtmann will jeden Schnitt vorziehen, damit man sieht, dass auf der ‚eins‘ die Lampen angehen.”

Martin Gallo Schmidt
Was all die Clipfarben wohl bedeuten mögen?
Was all die Clipfarben wohl bedeuten mögen?

Timeline-Shortcuts

00:06Anmoderation 02:00Gesprächsstart 05:24Der Schnittprozess / Was ist guter Konzertfilmschnitt 15:58Wer spricht alles mit? 18:55Beeinflusst das Musikgenre deinen Schnitt? 20:22Hilft es oder stört es Musiker zu sein? 24:30Suchen nach dem kleinsten Übel? 28:24Vita 31:25Kategorien 40:42Namensproblematik 42:34Abmoderation
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00:03 Sprecher: Heutiges Thema die Filmmontage in Theorie und Praxis.

00:15 Rainer Nigrelli: Ja, hallo und herzlich Willkommen zu Credit to the Edit, dem Podcast über Filmschnitt. Hier sprechen wir mit Filmeditoren aus allen Genres. Und das Beste daran ist, wir sind selber Filmeditoren. Mein Name ist Rainer Nigrelli.

00:28 Jan Henrik Pusch: Und ich bin Jan Henrik Pusch.

00:30 Rainer Nigrelli: Hallo.

00:31 Jan Henrik Pusch: Und heute sprechen wir mit Martin Gallo Schmidt über Konzertfilmschnitt.

00:38 Rainer Nigrelli: Also Martin Schmidt klingt nicht so nach Konzert und großer Bühne und Rockstar.

00:43 Jan Henrik Pusch: Aber es klingt auf jeden Fall nach Schnitt.

00:50 Rainer Nigrelli: Aber ich finde gut, wenn das schon so anfängt, dann kann das Gespräch nur profitieren. Dann lass uns schnell danken Adobe für die Unterstützung für dieses Gespräch. Und dann starten wir.

01:04 Sprecher: Werte Schnipsel-Schauer, wie tief geht die Musik unter die Bindehaut, wenn sie energetisch in einem Konzert auf den Punkt genau mit dem Hüftschwung der Musiker montiert wird und rhythmisch die Distanz zwischen Zuhörer und Musiker schmelzen lässt. Wie weit davon entfernt sind wir im deutschen Fernsehen mit den sogenannten Live-Sendungen von Heinz Schenk und Lia Voer, die zum blauen Bock ihr tumbes Playback mit schnöden und weinseligen Schunkel-Primaten teilen und dabei weniger auf die Lippensynchronität achten, als vielmehr darauf, dass die Haftcreme ihrer dritten Zähne nicht vor laufender Kamera erodiert. Sonny und Cher sind diese beiden rauchtumshörigen Ödlinge nicht. Schauen sie dagegen die Split-Screen-Vollgasbeschallung in Woodstock. Schauen sie nicht auf den Samstagabend in der ARD.

01:51 Zumindest nicht, wenn sie musikalisch mitgerissen werden wollen.

02:00 Jan Henrik Pusch: Hallo Martin. Wir haben ja jetzt viel darüber gehört, in dieser kurzen Zeit schon darüber, was schlechter Konzertschnitt ist. Und deshalb wäre die Frage, was ist denn richtig guter Konzertfilmschnitt?

02:15 Martin Gallo Schmidt: Also ich glaube prinzipiell ist guter Konzertfilmschnitt ein schwieriges Wort. Es hat auf jeden Fall Komponenten von so einem Erlebnis, dass man möglicherweise mit dem der Live Musik irgendwie vergleichen kann. Also man denkt, man war irgendwie da und guckt sich das danach an und denkt, oh mein Gott, ich habe es hier quasi archiviert für immer und ich bin wieder in dem Moment. Oder man hat es vielleicht verpasst und dann guckt man sich das an und denkt so, aber ich kann mir ziemlich genau vorstellen, wie es da war. Oder die dritte Komponente ist, man war da und schaut sich das an und man entdeckt Dinge, die man vorher nicht gemerkt hat.

02:54 Jan Henrik Pusch: Und ein guter Film kann alles drei?

02:58 Martin Gallo Schmidt: Möglicherweise ja, fällt mir aber gar kein guter Beispiel an, dass es alles drei kann.

03:04 Rainer Nigrelli: Aber ich höre also als wichtigstes Merkmal raus, das Live-Erlebnis herstellen. Also es soll sich so anfühlen, wie das war. Was ich zum Beispiel...

03:12 Jan Henrik Pusch: Nee, aber stopp, da muss ich mal einhaken, lieber Rainer. Das habe ich anders verstanden. Es kann ein Live-Erlebnis sich anfühlen wie ein Live-Erlebnis, es kann aber auch was eigenes kreieren.

03:24 Martin Gallo Schmidt: Ja genau, es gibt definitiv eben diese unterschiedlichen Wege, was vielleicht ein schlechter Konzertschnitt ist, einer der sich für keinen dieser Wege entscheidet, der vielleicht weder noch macht, weder besonders ist, noch sich so anfühlt, als wäre man da gewesen.

03:38 Rainer Nigrelli: Das kann ja auch eine ganz eigene Erfahrung sein, es muss sich ja gar nicht so anfühlen, wie als wäre man da gewesen, sondern wenn man sich das dann anschaut, ist das eine eigene Art von Erfahrung, trotzdem fühlt man sich, als wäre man dabei gewesen.

03:49 Martin Gallo Schmidt: Ja und ich meine das Coole beim Konzertfilm ist halt eben, dass man auch so nahe rankommt, wie man beim Live-Film oder beim Live-Konzert eben nicht rankommt. So und das ist dann manchmal, überbrückt man dann tatsächlich vielleicht wie vorne beim Schnipsel gesagt, überbrückt man so in dem Bereich zwischen Zuschauer und Bühne und das ist dann auf jeden Fall immer, immer was Besonderes.

04:12 Rainer Nigrelli: Mir fällt dazu was Lustiges ein, kennt ihr Opern? Sagt euch das was? Das ist das, wo die Leute sehr laut singen, ohne Verstärkung. Und wenn man Opernfilme sich anschaut, dann funktioniert das meiner Meinung nach gar nicht, weil dieses Nahegesicht, was versucht, das ganze Theater zum Erscheinen zu bringen, das will man einfach nicht in der Nahaufnahme sehen. Aber du sprichst ja auch davon, was überbrückt man da bis zur Bühne.

04:38 Martin Gallo Schmidt: Naja, ich würde sagen, ein Konzert ist ja in gewissem Maße so ein Schaukasten. Also es hat schon noch so diesen Bühnencharakter. Aber ja, was überbrückt wird, ist halt tatsächlich diesen Wellenbrecher davor, die Security und dann doch die paar Meter, die weg sind. Oder auch dieses Gefühl, viel zu viel auf die Leinwand zu gucken. Ich muss aber auch dazu sagen, worüber wir bisher geredet haben, das waren jetzt, sag ich mal, die initialen Motivationen, Konzertfilme zu machen. Seit Corona hat sich das eh geändert. Also seit Corona gibt es halt Konzerte. Da gibt es nichts mehr zu überbrücken, weil es gibt auch kein Publikum mehr. Also hat sich das Genre schon mal, schon mal noch mal verändert.

05:16 Und dann ist, glaube ich, genau das dem Zuschauer zu bieten, was er eh im Konzert nie hatte, das, glaube ich, ein ganz guter Weg.

05:24 Rainer Nigrelli: Wir haben jetzt bisher noch nicht über Schnitt gesprochen. Vielleicht fangen wir mal an, darüber zu sprechen, was ein guter Konzertschnitt ist. Vielleicht können wir an der Stelle auch noch ganz kurz sagen, wie wir uns kennengelernt haben, Martin. Wenn ich das mal ganz kurz zusammenfasse, ist das so ein Gespräch gewesen wie Hallo Martin, Hallo Rainer. Übrigens, es gibt ganz, ganz toll geschnittene Konzertfilme, sagt Martin zu Rainer. Und Rainer sagt, du meinst so Kamera 1, dann Kamera 2, Kamera 3. Das war meine Antwort. Und dann deswegen, wenn jetzt die Frage hat dich, was heißt das? Es gibt ganz toll geschnittene Konzertfilme.

05:57 Martin Gallo Schmidt: Also ich glaube, um dich noch mal zu zitieren, das habe ich sogar gesagt, Kamera 1, Kamera 2, Kamera 1, Kamera 3, Kamera 1. Also ein gut geschnittener Konzertfilm erzählt etwas. So genau das eigentlich, was du so halb im Witz und vielleicht auch halb im Ernst irgendwie gesagt hast, ist halt auch das Problem vom schlecht geschnittenen Konzertfilm. Ganz viele tendieren natürlich da irgendwie auf den Takt zu schneiden. Ganz viele tendieren da auch wirklich so einen Schnittrhythmus drin zu haben. Also ein Schnittschema eigentlich eher. Also wirklich, ich habe lange nicht mehr die zwei gesehen oder lange nicht mehr die drei. Das ist halt Willkür. Ein gut geschnittener Konzertfilm hat eine Erzählung im Schnitt.

06:43 Also entweder verfolgt Geschichten auf der Bühne, verfolgt Geschichten im Publikum und dafür ist einfach wichtig, dass man alles gesehen hat, dass man sich alles anguckt und versteht, was da passiert ist und was unsensibel dafür ist, was das Interessante ist, was da vorkommt. Klar, es gibt auch Situationen, wo es echt schwer ist, rauszufinden, was ist denn hier eigentlich das Interessante?

07:07 Jan Henrik Pusch: Aber ich glaube, da müssen wir jetzt noch den einen Schritt zurückgehen, um mal zu besprechen, was du genau machst. Es gibt ja bei Konzerten auch immer den Bildmischer, nehme ich an. Und du bist ja sozusagen derjenige, der das ganze Material bekommt und dann in aller Ruhe am Schneidetisch zusammenbaut.

07:29 Martin Gallo Schmidt: Da gibt es tatsächlich zwei Formen. Also meistens vor Ort ist ein Bildmischer da und das ist manchmal echt interessant, weil der Bildmischer eigentlich nur für die Regie halt guckt, ob es funktioniert, theoretisch. Das Programm oder der Bildschnitt wird eigentlich in den seltensten Fällen verwendet. Was vorkommen kann ist, wenn es so eine große Nummer ist, die heutzutage ja leider wegen Social Media und YouTube und so weiter, wo es schnell gehen muss, ist dann wirklich ein hervorragender Bildmischer dabei. Und dann bringt der Regisseur oft seinen Cutter mit ans Set und dann hat man original eine Nacht, um über das ganze Konzert drüber zu gehen. Das ist Live-Konzertschnitt ausbessern.

08:07 Der eigentliche Konzertschnitt ist, man kriegt alle Signale, alle Kameras, nimmt das mit in die Post und dann schneidet man das zusammen mit dem Regisseur, oft mit Künstler, teilweise aber auch kommt Management und Licht dazu und Bühnenbildner und so weiter und so fort. Also das ist so ein bisschen auch oftmals so ein meinungspolitisches Management, das man da so als Cutter irgendwie auch betreibt.

08:30 Jan Henrik Pusch: Also das heißt, du bekommst das gesamte Material und du bekommst eine gewisse Zeit?

08:34 Martin Gallo Schmidt: Das ist einfach eine Budgetfrage. Manchmal hat man für ein Konzertfilm wirklich ein schmales Budget, manchmal hat man aber auch 25 Tage. Ich kann das eigentlich an einem Beispiel ganz gut machen. Also Bilderbuch hatte ich, glaube ich, 23 Tage, wenn ich mich so richtig erinnere. Und das war eine Aufzeichnung von zwei Abenden. Also die haben an zwei Abenden in Schönbrunn vor dem Schloss in Wien gespielt. Und am ersten Abend hatten wir 12 Kameras, am zweiten Abend sechs. Das heißt 18 Kameraspuren. Das Konzert war knappe zwei Stunden, glaube ich, lang. Genau. Und das ganze Material, das sind einfach Pro-Rest-Files, das ganze Material kommt dann zu mir. Dann muss es angelegt werden.

09:20 Und dann fängt man an. Das Anlegen ist immer so eine, das wurde zur Königsdisziplin, weil manchmal ist das ja so die Assistentenarbeit. Beim Konzertfilm ist es halt natürlich super dramatisch, wenn man irgendwie in der Mitte merkt, dass es nicht anständig angelegt worden ist, weil man wirklich 18 Spuren übereinander hat, die synchron sein müssen, was auch manchmal wirklich nicht ganz leicht ist zu sehen, weil wenn eine Kamera irgendwie 600 Meter weg ist, dann hat man natürlich allein mit Schallgeschwindigkeit und so eine andere Wahrnehmung und so.

09:53 Jan Henrik Pusch: Jetzt würde mich wirklich interessieren, mit diesen zwölf Kameras, sind die denn komplett unterschiedlich? Also ist das dann so konzipiert, dass man sagt, okay, wir setzen eine Kamera am zweiten Tag so, wie man sie am ersten Tag nicht hätte setzen können, weil sie sich dann gegenseitig abschießen würden?

10:10 Martin Gallo Schmidt: Also das muss man natürlich mal gucken. Was oft gemacht wird, ist der erste Tag wird genutzt, um eine Voraufzeichnung zu machen, zum Beispiel einfach mit Close-Ups und hohen Brennweiten irgendwie. Und der zweite Abend wird dann oft genutzt, um dann das Konzert wirklich einzufangen. Also da werden die Totalen gemacht, da müssen die Anschlüsse stimmen und so weiter und so fort.

10:29 Jan Henrik Pusch: Welche Anschlüsse?

10:30 Martin Gallo Schmidt: Also ich meine, Konzert ist Konzert. Bilderbuch zum Beispiel, die spielen jeden Abend anders. Die machen ein bisschen, was sie wollen, laufen lang, wo sie wollen. Und da kann man hoffen, dass die Close-Ups passen. Aber Riesenbühne, manchmal hüpft er irgendwie vorne auf dem Steg, manchmal klettet er zum Schlagzeug hoch. Die Anschlüsse meine ich. Und die sollten dann besser alle, sage ich mal, bei der Aufzeichnung, auf die man sich so grundsätzlich stützt, da sollten die natürlich stimmen, tun sie eben auch. Und dann sind die Close-Ups halt manchmal passend, manchmal nicht passend.

11:00 Rainer Nigrelli: Ich denke, wenn das gut geschnitten ist, dann spürt man da nicht, dass da ein Anschlussfehler war und sagt, warum ist er denn jetzt auf einmal dahingesprungen? Und warum ist er denn da im nächsten Umschnitt? Natürlich ärgerst du dich, wenn da irgendwas nicht hundertprozentig klappt und wahrscheinlich siehst du auch einfach die ganzen Anschlussfehler, aber für uns. Also wir haben ja reingeschaut und haben das jetzt nicht, es sei denn Jan, Jan ist nämlich so ein Anschlusstyp, der schreibt nämlich auf einem DB immer die Fehler. Wenn er in der Agence 2 guckt, schreibt er immer rein, oh, da sitzt der Junge aber an einer anderen Stelle und das stört den dann so, dass er das dann mal reinschreibt.

11:36 Jan Henrik Pusch: Reiner ist ziemlich fies, weil wir haben im Gespräch hier vor, habe ich ihm gesagt, dass ich einmal einen Anschlussfehler bei dir entdeckt hatte und deshalb wusste ich, dass dieses Konzert an zwei Tagen gedreht sein musste. Das war, deshalb macht Reiner jetzt so einen großen Wind raus.

11:55 Martin Gallo Schmidt: Woher findest du das noch mal raus? Das würde ich super gerne wissen.

11:57 Jan Henrik Pusch: Das kann ich dir ziemlich genau sagen. Also man sieht bei dem, mit einer Bewertung von einem Stern. Die einzige Bewertung. Es ist tatsächlich so, dass man einmal die beiden Gitaristen sieht, wie sie sich gegenüberstehen und dann schneidest du auf einen der beiden Schlagzeuge und man sieht im Hintergrund, dass die beiden schon längst wieder weg sind und wir gehen wieder in die Total und die beiden stehen wieder nebeneinander.

12:29 Martin Gallo Schmidt: Da erinnere ich mich sogar dran.

12:31 Rainer Nigrelli: Ich stelle es mir auch sehr, sehr kompliziert, vor zwei Abenden zusammenzubringen. Das ist einfach auch heikel. Wahrscheinlich entscheidet man sich dann für Parts und sagt dann, okay, eine Minute bin ich jetzt hier an dem Abend und dann bin ich wieder in der anderen Minute woanders, weil wenn man es die ganze Zeit mischen würde, ging es wahrscheinlich nicht. Es sei denn, wie du sagst, die haben diese Close-ups und so, wo es gar nicht auffällt.

12:52 Martin Gallo Schmidt: Also ich mische schon relativ hart, muss ich sagen. Das ist so. Und was ich aber genau, wie du gesagt hast, was ich mir zum Beispiel bei Bilderbuch wirklich angewöhnt habe, ist dann einfach partweise rüberzugehen und in Kauf zu nehmen, dass ich nur sechs Kameras habe, nur sechs Close, wenn es die Situation zulässt. Und wenn es einfach cooler gelaufen ist und dann finde ich den Punkt, wo ich dann wieder in die Originalaufzeichnung rüber gehe. Das passiert dann doch.

13:16 Jan Henrik Pusch: Wir haben jetzt extra das ganze Technische nochmal aufgegriffen, um dann wieder zum Geschichten erzählen zu kommen. Wenn man dann nämlich diese zwei Tage hat und du sagst, man entwickelt erst im Laufe des Schnitz die Geschichte, man entdeckt erst die Geschichte, wohin geht die Band, was kann ich denn überhaupt hier erzählen. An zwei Tagen läuft diese Geschichte ja wahrscheinlich auch auseinander, oder? Also ist das nicht das, was man sozusagen auch berücksichtigen muss?

13:44 Martin Gallo Schmidt: Definitiv. Teilweise spürt man auch, dass die Musiker an einem Tag auch einen besseren Tag haben, oder am anderen. Und dann ist man da vielleicht eher so auf der Close-Up-Ebene, das könnte ich gebrauchen, das ist ein gutes Bild, das funktioniert. Streckenweise ist es dann ebenso, dass man darauf auch wirklich verzichten muss, um die Story irgendwie drin zu behalten.

14:09 Rainer Nigrelli: Jan, wenn du nichts dagegen hast, würde ich so ein bisschen das Thema schiften. Dann lass mich noch eine Frage stellen.

14:15 Jan Henrik Pusch: Ich hab was dagegen. Und zwar das Materialsichten. Du hast ja davon gesprochen, dass du das Material sichtest und du sagst, es ist wichtig, alles gesehen zu haben.

14:25 Rainer Nigrelli: Warte mal, lass uns doch mal rechnen. Bilderbuch, zweieinhalb Stunden, mal zwölf, nee, mal 18. Also 23 Tage wird hart.

14:37 Jan Henrik Pusch: Guckst du doch alles im Multicam an, oder?

14:40 Martin Gallo Schmidt: Nee, ich guck die durch. Es sind natürlich auch lange Tage, muss man sagen, wenn man Bock darauf hat. Aber ich guck die durch, tatsächlich.

14:47 Rainer Nigrelli: Und wie sieht dann so ein Prozess aus bei dir, wenn du das durchsichtest? Heißt, dass du nimmst dir dann Teile davon in die Timeline, oder liegen die dann schon an der richtigen Stelle in der Timeline, oder sammelst du das und baust es dann nach und zusammen?

15:02 Martin Gallo Schmidt: Ich mach das so, alle Spuren liegen übereinander deaktiviert. Und dann gehe ich durch und schneide mir tatsächlich die Teile, die ich gut finde, schneide ich mir raus, markiere die und lasse sie auch oft, also beim Sichten lasse ich sie einfach aktiviert dann. Also ich gehe die Spur durch und dann gehe ich die Spur drüber durch. Das heißt, am Ende habe ich dann so ein, wir nennen das immer Filetieren, so ein Filet da liegen, wo alle guten Teile aktiviert sind. Und ich habe da einfach Farbcode, ich habe mittlerweile einfach so vier Farben mir ausgesucht, die so unterschiedliche Bedeutung haben. Und ja, dann deaktiviere ich die und dann gehe ich in den Schnitt.

15:44 Und so der erste Pass, sage ich mal, im Schnitt ist manchmal auch so ein bisschen Pain, weil man dann auch so echt am Anfang so ein bisschen ausprobieren muss, welche der Dinge, die mir denn gefallen haben, geben jetzt am Ende den Film.

15:57 Rainer Nigrelli: Und das heißt, du bist dann mit so einer ersten Fassung irgendwann fertig. Aber es hört sich für mich alles sehr kompliziert an, weil du vorhin auch meintest, dass die Bühnenleute oder Licht, wer auch immer da kommt, es hört sich an wie, es würden da sehr viele Interessen miteinander ringen. Aber eigentlich wollen die alle was anderes. Der eine will wahrscheinlich, dass es eine super Blu-ray wird. Der andere sagt, Blu-ray kenne ich nicht, ich will, dass es auf YouTube funktioniert.

16:20 Martin Gallo Schmidt: Der Buch hat auch VHS veröffentlicht, im jetzigen Augen.

16:27 Rainer Nigrelli: Und dann gibt es sowas wie, also wenn du Licht sagst, dann will wahrscheinlich jemand sehen, ob das überhaupt gut aussieht am ersten Tag und dann wieder was ändern, dass es am zweiten Tag besser aussieht.

16:36 Martin Gallo Schmidt: Der Lichtmann will jeden Schnitt vorziehen, also immer vor der Eins haben, damit man sieht, dass auf der Eins die Lampen angehen. Das ist natürlich nicht bei jeder Produktion so. So grundsätzlich würde ich sagen, man schneidet erstmal eine erste anständige Fassung und zeigt es dann dem Regisseur, da ist man auch nervöser und es ist sich auch noch nicht so ganz klar, in welche Richtung das geht. Und dann, wenn die Regie happy ist damit, dann geht es dann oft irgendwie raus an den Kunden. Und dann diese Kundenrunde, die ist echt super individuell. Also es gibt Künstler, Sänger, die kommen nach dem Konzert in den Ü-Wagen und wollen gucken.

17:18 Manche kommen in den Schnitt, manche Künstler haben nie gesehen, was da überhaupt produziert worden ist. Viele haben ja Artdirector, Producer, Geldgeber, die halt da auch eine Meinung zu haben. Also diese Kundenprozesse sind glaube ich die, die immer so variieren.

17:33 Jan Henrik Pusch: Du hast ja auch viele Sachen für die Telekom damals gemacht. Das ist dann ja wahrscheinlich auch eher, wenn ich das so richtig verstehe, sind das wahrscheinlich eher Konzerte, wo dann der Veranstalter mehr Einfluss drauf hat als die Bands. Oder hast du mit den Red Hot Chili Peppers in einem Raum den Schnitt besprochen?

17:56 Martin Gallo Schmidt: Nee, das geht dann übers Management tatsächlich meistens oder Art Director oder, oder, oder. Vielen Bands ist dann das Video, sage ich mal, ab irgendeinem gewissen Punkt egal, aber die hören auf ihre Performance. Und ob der Song gut war und ob der Schnitt gut ist, rückt dann im Laufe des Konzerts auch ein bisschen nach hinten. Kann aber sein, dass sie unzufrieden sind mit ihrer Performance. Dann muss man da vielleicht nochmal ran. Und es gibt auch einfach Bands zum Beispiel, die Leute auf der Bühne haben, die gar nichts machen und dann dürfen nicht die Finger gezeigt werden und so weiter und so fort.

18:23 Rainer Nigrelli: Wie kannst du Performance verbessern? Also du komponierst ja nichts dazu.

18:27 Jan Henrik Pusch: Rausnehmen.

18:29 Martin Gallo Schmidt: Ja, rausschneiden. Nee, aber ehrlich gesagt, wenn man merkt, dass sich jemand unwohl fühlt und so weiter und so fort, kann man das halt einfach umgehen. Oder, was ich auch echt schon gehört habe, zeigt man mehr Publikum, weil Band ist nicht so happy. Es passiert nämlich zum Beispiel oft, dass Bands neue Songs noch nicht so oft gespielt haben und dann auch einfach nicht locker sind.

18:53 Jan Henrik Pusch: Und sag mal, beeinflusst dein Schnitt auch, was es für ein Musikgenre ist?

19:04 Martin Gallo Schmidt: Also du meinst, fragst du andersherum, wird mein Schnitt von dem Genre beeinflusst?

19:07 Rainer Nigrelli: Also schneidest du auf die Eins bei manchen Sachen oder auf die Drei bei anderen? Genau.

19:12 Jan Henrik Pusch: Wie ist dein Gefühl bei einem Hip-Hop-Konzert gegenüber einem Rock-Konzert? Also hast du den Eindruck, da ist irgendwas anders oder hast du den Eindruck, da gibt's gar keinen Unterschied?

19:24 Martin Gallo Schmidt: Ja, also das ist definitiv so, dass die Musik auch den Schnitt beeinflusst, aber das ist halt, also vielleicht so um auf die erste oder zweite Frage zurückzukommen, was irgendwie ein schlechter Konzertschnitt ist, ist halt natürlich Metal mit ultra vielen Schnitten. Da gibt's halt, da gibt's natürlich hundert andere Varianten, etwas zu erzählen, als sich dem Tempo der Musik anzupassen. Natürlich will man manchmal, manchmal hat man so das Gefühl, der Energie der Musik irgendwie folgen zu wollen, ist oftmals gar nicht so wichtig, so und manchmal muss man so ein bisschen schauen, wie vielen Ebenen man so zugrunde liegt. Also ist die Musik super energetisch, ist die Lichtshow super energetisch, ist das Publikum super energetisch, dann sollte man vielleicht gucken, ob das eher, ob man das eher dokumentarisch begleitet, als da noch eine Ebene oben drauf zu legen und das ist dann ja auch schon fast irgendwie Eitelkeit, wenn man denkt, da mach ich mit im künstlerischen Prozess der ganzen Gewerke.

20:22 Rainer Nigrelli: Kannst du auch ein bisschen erklären, ist denn wichtig, sich mit Musik auszukennen, wenn man sowas macht?

20:28 Martin Gallo Schmidt: Ey, das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich würde sagen, mir hilft es extrem, dass ich selber Musiker bin und das auch echt lange praktiziert habe, weil man natürlich so eine gewisse Sensibilität entwickelt für was ist interessant, was interessiert möglicherweise den Künstler und was entgeht, vielleicht auch so ein bisschen der Aufmerksamkeit der Zuschauer und was kann man dann irgendwie highlighten. Also ich würde sagen, man muss nicht, ich wüsste aber nicht, wie ich es machen sollte, ohne.

21:00 Rainer Nigrelli: Also ich denke schon, weil du einfach stilsicher sein musst. Es ist wahrscheinlich echt verführerisch zu schneiden an Stellen, wo irgendein musikalischer Akzent passiert und wenn man das dann öfter macht, dann weiß man, nee, muss ich jetzt gar nicht. Ich könnte so oder so oder so machen.

21:16 Jan Henrik Pusch: Aber würde nicht vielleicht derjenige, der zwar musikalisch ist, aber vielleicht nicht gerade Musiker, genau dann diese Highlights einfach liegen lassen. Weißt du, dass der Musiker eigentlich diese Highlights irgendwie immer bedienen möchte, aber der musikalische Editor, ohne wirklich Musiker zu sein, kann das trotzdem gut machen. Also ich glaube, das ist etwas, was sehr spannend unterschiedlich sich beeinflussen kann und das ist wie in vielen Genres. Man kann, glaube ich, oft ganz unterschiedliche Ansätze finden, um anzudocken.

21:57 Martin Gallo Schmidt: Also ich hätte es auch manchmal gerne, manchmal ist es auch cool, wenn man zum Beispiel Schnitte übernimmt, sich das anzuschauen und zu sehen, was haben die sich dabei gedacht. Also ich glaube, da gibt es mehrere Ansätze. Ich glaube, das Einzige, was ich so ein bisschen so ein bisschen voraussetze, ist, dass, also ich muss ja auch sagen, Live-TV ist jetzt auch nicht das fetteste Business ever. So und die werden jetzt auch nicht irgendwie verkauft wie blöde. Das passiert nur bei den Highlights irgendwie, wenn Scorsese Rolling Stones macht und so. Aber darunter ist das natürlich auch echt so ein Liebhaber-Ding. Und da sind die Zuschauer dann doch oft Musiker.

22:36 Und ich glaube dafür wäre es, es sind entweder Hardcore-Fans oder oft Musiker. Und viele von denen wollen dann auch so ein bisschen die musikalischen Impulse sehen, wenn sie wichtig sind. Und dafür muss man manchmal checken, welches Instrument wirklich gerade spielt. Ganz blöd gesagt.

22:58 Rainer Nigrelli: Ja, also für mich, Rainer, merke dir, we will rock you, das sollte man schon einmal im On sehen, nicht die ganze Zeit im Off, ne?

23:05 Martin Gallo Schmidt: Und auf jeden Fall Hände klatschen.

23:08 Jan Henrik Pusch: Und wie ist das bei der Sprache, bei den Ansagen, einfach immer auf den, der spricht oder?

23:15 Martin Gallo Schmidt: Geil, du versuchst Schema F aus mir raus zu kraschen. Kamera 1, Kamera 2, Kamera 3.

23:24 Rainer Nigrelli: Ist auch fies, der Jan manchmal.

23:26 Martin Gallo Schmidt: Ist gut, ne, ist eine gute Frage. Das ist, also da muss man ehrlich gesagt auch der Geschichte folgen, weil da gibt es natürlich auch, also jetzt bei Bilderbuch, wo da hängen wir jetzt die ganze Zeit, aber da ist halt, die kommen aus Wien, Schloss Schönbrunn ist irgendwie die größte Location, die man spielen kann, Hometown Show und ja, also so ein bisschen Höhepunkt auch der Karriere. Und da gab es halt auch Momente, wo die echt so ein bisschen sprachlos waren und auch im Nachhinein im Schnitt auch, wie ich erfahren habe, auch einfach teilweise nervös. So und da muss man dann halt auch, das sollte man auf jeden Fall, entweder zeigt man es knallhart und versucht dadurch irgendwie ein Gefühl zu erfassen, dass das halt einfach wirklich, also wenn man dann irgendwie in seiner Heimatstadt nach sechs Jahren, also vor sechs Jahren vielleicht noch in so einer kleinen Kaschämme gespielt hat und auf einmal vor 16.000 Leuten vor dem Wahrzeichen der Stadt, passiert ja auch was mit den Künstlern.

24:23 Das ist auch das, was mich fasziniert an Konzertfilmen, dass das halt ja wie so ein Zeiterschief ist.

24:28 Jan Henrik Pusch: Tatsächlich ist mir bei einem Konzert, was du gemacht hast, was aufgefallen ist.

24:32 Rainer Nigrelli: Anschlussfehler.

24:33 Jan Henrik Pusch: Jetzt, nee, kein Anschlussfehler, sondern wir kommen jetzt zu der Corona-Situation. Und dann hast du eine Band, die Bräulers haben ein Konzert gegeben, was sozusagen nur online gemacht wurde. Es gibt halt kein Publikum. Und es ist auch kameratechnisch, als Zuschauer würde ich sagen, es gab jetzt keine 18 Kameras, sondern eher, mein Gefühl war, er pro Bandmitglied eine und vielleicht noch eine noch mehr. Und dann sind bei Ansagen, wäre die sozusagen, eigentlich kann man nur bei demjenigen, der spricht, sein. Und das wäre dann natürlich irgendwie dann auch wieder langweilig. Und dann gehst du manchmal auf irgendwie die Bandmitglieder. Und da habe ich mich schon gefragt. Es ist auch eher Suchen nach dem, na wie soll man sagen, kleinsten Übel.

25:31 Martin Gallo Schmidt: Ja, definitiv. Das ist auch echt ein ziemlich cooler Aspekt, weil das ist einfach so eine Berufskrankheit. Also es ist wirklich, teilweise muss man wirklich das kleinste Übel nehmen, weil es einfach nicht funktioniert oder weil alle umbauen. Der Buch ist gedreht auf Amira, also Ari Amiras und die sind natürlich auch mit Objektiv und alle, die haben selber schärf gezogen, ist natürlich echt ein Gewicht. Nach einer Stunde gibt es natürlich auch Kameramänner, die auch echt mal kurz irgendwie so die Puste ausgeht und so. Das merkt man auch. Und da kann es auch wirklich sein, dass man mal echt einen Zeitraum hat, wo nichts Cooles ist. Das gehört definitiv dazu.

26:15 Und da muss man auch sagen, es macht einfach mehr Spaß mit mehr Kameras. Das ist einfach so. Also, dass es mit fünf Kameras hat, man das doch des Öfteren, dass dann Schärfen nicht da ist und dann funktioniert es nicht. Und dann musst du diesen Weg gehen.

26:28 Rainer Nigrelli: Ja, und du meintest ja, man soll einfach nicht drüber nachdenken können und dann verstehen, wie das dann gebaut ist. Und wenn Jan jetzt sagt, er hat doch irgendwann gemerkt, das sind fünf Kameras und ja, man baut sich um Sachen herum. Wenn man das merkt, ist natürlich, ja, dann hat das aber hier in dem Fall wahrscheinlich sehr viel mit Budget einfach zu tun und da war dann einfach nicht mehr möglich.

26:48 Jan Henrik Pusch: Tatsächlich, wenn wir jetzt schon mal bei dem Thema sind, ich bin tatsächlich in meiner Praktikumszeit vor, bevor ich angefangen habe mit Schneiden, musste man ja immer herausfinden, was man will. Und dann habe ich Praktikars gemacht. Und bei einem Praktikum bin ich bei einer Firma gelandet, die viele Konzertfilme gemacht hat. Und tatsächlich war ich sozusagen nicht das kleinere Übel, sondern das große Übel. Denn irgendwer kam auf die Idee, mich als Kameramann auf den Dolly zu setzen, der direkt vorne vor der Band immer lang fuhr. Und ich musste das allererste Mal in meinem Leben eine Kamera gehalten, direkt diese sehr wichtige Position begleiten. Und ich weiß, dass ich später mal mit dem Editoren gesprochen habe und er meinte, ach ja, die eine Kamera, da war irgendwie so ein betrunkener Seemann am Werk.

27:44 Ich so, ja genau, das war ich.

27:47 Rainer Nigrelli: Oh nein.

27:49 Jan Henrik Pusch: So viel dazu.

27:52 Rainer Nigrelli: Sehr schön. Ich wusste gar nicht, dass du außerhalb vom deutschen Fernsehspielfilm auch andere Erfahrungen gesammelt hast. Aber du hast mich nicht geschockt, das fand ich im Schnitt, sondern du hast einfach mitgearbeitet als Kameramann.

28:04 Jan Henrik Pusch: Lieber Rainer, das lasse ich immer mal wieder so fallen, damit du... Merkst, so ein Dimensional ist es alles nicht.

28:11 Martin Gallo Schmidt: So, dass die Filmleute sich dafür schämen, Konzert gemacht zu haben. Deswegen ist das in eurer Freundschaft noch nie aufgekommen.

28:21 Jan Henrik Pusch: Wir reden nur über die Höhepunkte, nicht über die Tiefpunkte.

28:24 Rainer Nigrelli: Was ich bei dir interessant finde, Martin, du hattest das gesagt, wenn ich mich richtig erinnere, dass du... Also wann bist du dazu gekommen, dich zu interessieren für Konzertschnitt? Wann war das?

28:39 Martin Gallo Schmidt: Ähm, ehrlich gesagt, in dem Moment als ich auch angefangen habe, Musik zu machen. Weil das war für mich echt so eine Sache, dass ich war dann, dann fängt man Gitarre zu spielen und die, dann fängt man ja an, alles aufzusaugen. Und das habe ich halt tatsächlich mittels Konzertfilme gemacht.

29:01 Rainer Nigrelli: Aber das war nicht so, dass du Indiana Jones 2 gesehen hast, so wie ich. Und gesagt, ich will auch irgendwann mal schneiden, so. Sondern, nein, erzählen.

29:10 Martin Gallo Schmidt: Ich habe halt Live-DVDs geguckt und habe gedacht, boah, so will ich spielen können. Das war tatsächlich das so. Und dann bin ich da, also muss ich echt sagen, bin ich richtig addicted geworden. Ich habe die Dinger teilweise jeden Tag geguckt. Also aus dem einen Grund einfach wegen der Energie, aus dem anderen Grund, weil viele der Sachen halt auch alt waren und ich sie sowieso nie live sehen konnte und drittens halt einfach, um auch zu gucken, was spielen die da eigentlich so. Und deswegen hat sich bei mir einfach so eine Faszination irgendwie für beides gleichzeitig entwickelt, für Konzertfilme und fürs Musikmachen. Und ja, also es war jetzt auch nicht so, dass ich gesagt habe, ich will Konzertfilm-Cutter werden, sondern mein Weg hat sich einfach dahin entwickelt.

29:52 Also es war irgendwie, ich habe da Praktiken gemacht und habe wirklich nach einem Monat irgendwie an Depeche Mode gearbeitet. Und dann, das war natürlich ein echt cooler Einstieg. Weil als Musiker dann halt auch sich da so nahe mit beschäftigen zu können. Also ich habe aus Versehen Chris Martin von Coldplay umgelaufen. Und das sind natürlich irgendwie Sachen, die auch so hängen bleiben oder auch als Musiker die Soundchacks mitzuerleben. Also es gibt so viele Momente, wo ich mit z.B. Ninette Butter, die auch viele Konzertfilme gemacht hat, auch Musikerin ist. Wo wir irgendwie zu zweit den Soundcheck von Michael Wadleigh mit einem ganzen Orchester uns angeguckt haben. Man kann über Michael Wadleigh denken, was man will.

30:34 Ist auch trotzdem ein cooler Moment als Musiker. Und ich war jetzt nicht der Masterplan, sondern ich glaube, das ist einfach gut gelaufen, sage ich mal für mich.

30:42 Jan Henrik Pusch: Ich finde, du bist nochmal ein sehr gutes Beispiel dafür, dass der Aufwand, den man für ein gutes Produkt aufbringen muss, ja sehr hoch ist. Und dafür muss man, glaube ich, auch den Bereich finden, wo die Leidenschaft liegt. Und nur dann kann man das sozusagen in dem Maße bringen, wie es gefordert wird. Und ich glaube, das ist ja das, was wir alle immer wieder tun müssen. Zu gucken, wo liegt denn unsere Leidenschaft, damit wir das wirklich annehmen.

31:16 Rainer Nigrelli: Jan, das war ein ganz fantastisches Schlusswort. Das war wirklich gut gesagt, muss ich wirklich jetzt mal sagen an der Stelle. Aber wir gehen jetzt einfach direkt in die Kategorien. Wir wollen doch nicht aufhören. Martin, du kennst ja vielleicht drei Podcasts.

31:35 Jan Henrik Pusch: Ich muss die erste Kategorie ansagen. Entschuldigung, ich kann nicht nur Schlusswörter, ich kann auch die erste Kategorie. Und zwar möchten wir jetzt von Martin den bestgeschnittenen Konzertschnitt hören.

31:49 Martin Gallo Schmidt: Konzertfilm, das würde ich sagen ist John Mayer, Woodalight ist von Danny Clinch. Also ich würde noch nicht mal sagen, dass der bestgeschnittene, aber den, um es jetzt mal street zu sagen, den Scheiß fühlt man einfach. Und das ist so krass, weil das ist für Musiker, Gitarristen, aber auch so ist das wirklich, als das rauskam, das war die Bibel. So und die Leute gucken sich, das sind drei Sets in drei unterschiedlichen Besetzungen und jedes dieser Sets ist für das, was gemacht wird, war das wirklich State of the Art und das wurde so gut eingefangen. Man hatte einfach das Gefühl, man war irgendwie dabei, man konnte sehen, was man sehen will, man konnte die Dynamik spüren.

32:31 Und das ist so ein Ding, ich habe das 50 mal geguckt und mit Freunden und jeder kennt es irgendwie, sage ich mal, in einem kleinen Nerdkreis, aber da kennt es wirklich jeder.

32:49 Rainer Nigrelli: Martin, kannst du dich an irgendeine Situation erinnern, an irgendwas, was passiert ist, was erzählenswert ist?

32:56 Martin Gallo Schmidt: Mein Lieblingsbriefing war auf jeden Fall von einer Band, eine sehr, sehr, sehr große Band, die wirklich jeder kennt, wo im Briefing stand, dass man auf keinen Fall die Finger vom Keyboarder sehen darf, weil er halt überhaupt gar nicht spielt. Das war das beste Briefing, wenn da so Not-to-do's drinstehen.

33:15 Rainer Nigrelli: Von Keyboarder nicht die Finger zeigen, weil er gar nicht spielt.

33:19 Martin Gallo Schmidt: Weil er spielt gar nicht.

33:28 Jan Henrik Pusch: Martin, jetzt rede ich noch ein bisschen, damit du kurz nachdenken kannst. Du weißt ja schon, worum es geht. Und zwar wollen wir jetzt den besten Tipp, den du anderen Editoren oder Editorinnen geben könntest, von dir hören.

33:51 Martin Gallo Schmidt: Bei Multicam tendiert man dazu, wirklich immer nur chronologisch zu arbeiten. Und was halt irgendwann passiert ist, dass man natürlich Schüsse aus dem Publikum und so weiter und so fort, die sich halt auch verschiebt. Und das macht man einfach prinzipiell beim Multicam. Da geht man in die Multicam-Sequenz rein, schneidet sich das raus, holt sich in die obere Sequenz wieder, blablabla, keine Ahnung. Aber da ist man so an dieses Multicam-Format irgendwie gebunden, das ja, das funktioniert nicht.

34:27 Jan Henrik Pusch: So, jetzt kommen wir zu unseren Zuhörer und Zuhörerinnen-Fragen. Und zwar fange ich da an mit dem Tobi. Und zwar fragt der, ist ein Konzert ohne Publikum einfacher oder nicht so gut wegen der Atmosphäre?

34:50 Martin Gallo Schmidt: Das ist eine eigentlich ziemlich interessante Frage, weil sich das ja jetzt die letzten zwei Jahre echt gewandelt hat. Und das ist auch schwierig. Ich habe, Rainer, ich habe dir meine Witter geschickt. Die dünnt so hinten raus auf jeden Fall aus. 2019 habe ich eigentlich immer nur geguckt, dass ich möglichst im nächsten Projekt noch beim Start dabei sein kann, danach nicht mehr. Und genau, danach sind ja Konzertfilme ohne Publikum entstanden. Ich würde sagen, es ist deutlich schwerer, das cool zu machen. Und da gibt es Riesenproduktionen, wie Disney mit Billie Eilish gemacht hat. Das haut einen zwar um, aber es fühlt sich trotzdem anders an ohne Publikum.

35:24 Egal, wie riesig das ist und wer da irgendwie hintersteckt und so. Es gibt ein paar coole Beispiele, wirklich sehr, sehr coole Beispiele. Aber Publikum macht es auf jeden Fall leichter. Weil ein Konzert, glaube ich, die ursprünglichste Form des Konzerts ist halt so eine Darbietung an das Publikum und ich glaube, die Darbietung wird auch von der Energie, die zwischen Publikum und Künstler irgendwie entsteht, immer beeinflusst.

35:52 Rainer Nigrelli: Das ist ja die Atmosphäre, was dazwischen entsteht, ist die Atmosphäre. Und wenn sozusagen der Adressat nur noch vor dem YouTube-Computer sitzt, klar, dann kann man die nicht darstellen. Man braucht irgendwas, um das darzustellen.

36:06 Martin Gallo Schmidt: Genau, von daher würde ich sagen, ist es definitiv schwerer ohne Publikum. Gibt aber wirklich auch sehr, sehr gute Beispiele dafür, dass es funktioniert.

36:13 Rainer Nigrelli: Wir haben noch eine Frage, Martin, und zwar von einem gewissen Ingo. Ingo fragt, woher weißt du wann und auf welche Kamera du schneidest?

36:25 Martin Gallo Schmidt: Ich, so grundsätzlich würde ich sagen, es gibt ja mehrere Möglichkeiten irgendwie, sag ich mal, oder mehrere Gründe, einen Schnitt zu setzen. Der schlechteste Grund ist, ich habe lange nicht mehr geschnitten. Der beste Grund ist, ich verfolge etwas. Man kann natürlich aber auch einfach, also man erzählt etwas. Und es kann aber auch Rhythmus sein, es kann auch ein Impuls sein. Also es gibt auch coole Schnitte, die nur wegen, nur aufgrund des Impulses funktionieren, weil es einfach mit der Musik passt. Es gibt einfach, es gibt endlos viele Gründe, irgendwie einen Schnitt zu setzen. Und woher man das weiß, ist glaube ich ehrlich gesagt, Intuition und Erfahrung. Da muss ich auch noch dazu sagen, es gibt irre gute Konzertschnitte von Leuten, die glaube ich nicht so viel Erfahrung haben.

37:18 Ich glaube, da bringt die Erfahrung vor allem Tempo. Also da so eine Intuition, die einem dabei hilft, sowas dann auch in so einem kurzen Zeitraum überhaupt hinzubekommen, in so einer gleichbleibenden Qualität irgendwie.

37:30 Jan Henrik Pusch: Dann hätten wir noch den Christoph, der fragt, ob du bei den Auftritten selbst auch dabei bist, um dich zu inspirieren zu lassen und ein Feeling dafür zu bekommen.

37:43 Martin Gallo Schmidt: Wenn es geht, dann ja. Also wenn es möglich ist, dann ja. Kommt immer darauf an, wann man auf das Projekt draufkommt. Und ehrlicherweise ist es oft ein bisschen zu spät. Es passiert schon mal auch, dass man dann ersetzt, dass jemand anders auf dem Projekt ist, und dann wird man darauf gesetzt und wusstest von Anfang an gar nicht, dass man dabei ist. Dann hat man es natürlich verpasst, aber im Grunde genommen, ja, versucht man das. Und das hilft schon. Ich würde aber sagen, ist nicht dringend notwendig, nicht zwingend notwendig. Und zum Beispiel ist es auch manchmal so, dass man dann vom Konzert kommt und denkt, so krass war das jetzt nicht.

38:23 Und dann geht man ins Material und denkt ja, auf der Bühne merkt man aber, auf der Bühne war es eigentlich ziemlich krass. Es war nur halt in Reihe 16 nicht cool.

38:30 Jan Henrik Pusch: Aber hattest du es mal bei einem Projekt, wo du unbeteiligt warst, dass du mal auf einem Konzert warst und dir dann noch den Film dazu angeguckt hast? Hast du das mal?

38:41 Martin Gallo Schmidt: Ja, ich war bei der Aufzeichnung von Muse dabei in Italien. Und dann habe ich die Live-TVD gesehen. Und das war tatsächlich, oder live Blu-ray. Und das war auch echt krass, muss ich sagen. Weil das war, also wirklich, guck mir das an, krieg jetzt noch verrückte Gänsehaut und vor allem. Und da, wer auch immer das geschnitten hat, der hat's in meinen Augen genau richtig gemacht. Weil es gab zum Beispiel so eine Stelle, das war einfach so, also eh in Italien, so ein Konzert mitzubekommen. Da feiert die Crowd irgendwie. Und da gibt's so einen Song, der heißt Madness, wo so eine Riesenstelle ist, wo alle mitsingen. Es ist keine Mitsingenstelle, aber alle Hände hoch und singen einfach aus Intuition, weil es der Song so gibt.

39:21 Und es war eh der krasseste Gänsehaut-Moment ever. Und was die in der Live-DVD gemacht haben, die hatten Kameraleute auf den Rängen, auf den hintersten Plätzen dieser Riesenarena und schneiden von Close-Up-Sänger auf den allerletzten Rang ganz, ganz oben hin, wo so eine Italienerin sich die Seele aus dem Leib singt. Und dieser Shot ist der Hammer einfach irgendwie. Und ich war so, ja, genau so war es. So, ne, irgendwie. Und so, sag ich mal, in der Flucht sieht man auch den Rest der Arena, also man sieht, dass sie wirklich ganz hinten ist. Und das war auch ein cooles Erlebnis, weil ich gedacht habe, ich hab die ganze Zeit die Spidercam oben fliegen sehen, hab gedacht, mal gucken, wie das wird.

40:04 Und dann war es auch wirklich so, dass ich gedacht habe, ja, geil, dafür mach ich's eigentlich. Weil ich guck mir das jetzt noch gern an.

40:11 Rainer Nigrelli: Es ist quasi nicht nur eine Dokumentation von dem, was passiert ist, sondern eine Erweiterung. Da kommt auch was Neues hinzu in so einem Konzert, oder in so einem Konzertschnitt. Dann das, was vielleicht nicht da war, aber dann doch irgendwie da war, nur nicht aus der Position, wo man da war.

40:25 Jan Henrik Pusch: Das ist ein wunderschöner Bogen. Mit diesem Thema hatten wir ja das ganze Gespräch mal angefangen, um das aufzudröseln, was Konzertschnitt ist. Und jetzt am Ende kommen wir noch mal dahin, dass es, was es alles sein kann.

40:43 Rainer Nigrelli: Wir haben das in der Anmoderation gesagt, die du noch nicht gehört hast, Martin. Da haben wir über deinen Namen ganz kurz gesprochen, beziehungsweise ich. Und ich finde, du solltest ja deinen Namen überdenken. Kannst du noch mal sagen, wie du heißt?

40:57 Martin Gallo Schmidt: Ich heiße Martin Schmidt eigentlich.

41:00 Rainer Nigrelli: Das ist ja falsch, meiner Meinung nach. Es ist richtig, vielleicht für dich, laut passend so, aber eigentlich klingt das nicht so, wie jemand der Konzertschnitt macht.

41:11 Martin Gallo Schmidt: Das ist auch schwer googelbar.

41:14 Rainer Nigrelli: Ja, ist schwer googelbar. Also was machen wir denn da?

41:19 Martin Gallo Schmidt: Dazu kann ich eine Anekdote erzählen. Und zwar gab es immer Dateikürze bei meinem ersten Praktikum. Und die Dateikürze MS für den Editor gab es 26-mal gefühlt. Und dann wurde gefragt, das geht nicht. Da habe ich gesagt, meine Mutter heißt Gallo, den Namen mag ich eh viel lieber. Und dann wurde aus MS MGS. Und da hat sich das eigentlich von Tag 1 etabliert.

41:43 Rainer Nigrelli: Das ist auf jeden Fall besser. Aber über das S musst du nochmal mit deinem Vater bitte nicht diskutieren. Das wäre mein Tipp für die weitere Karriere. Martin Gallo Schmidt. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Wir haben sehr viel erfahren. Und wir werden uns jetzt Konzertfilme anders anschauen. Warte, ich vergiss das immer.

42:14 Sprecher: Wir haben also gesehen, mit welch emotionaler Wucht die gelungene Montage Musik in einen Bilderrausch transformieren kann, in welchem sich ein visueller Koitus zwischen Künstler und dem enthändten Publikum ergießt. Der Schnitt bringt die begeisterten Anhänger ihren mythischen Kunstfiguren nahe und sie teilen ja einen Augenblick am Tisch der Götter.

42:36 Jan Henrik Pusch: So, das war das Gespräch über Konzertfilm-Schnitt mit Martin Gallo.

42:45 Rainer Nigrelli: Okay, hu, gerade noch abgebogen. Den Wort wird es nicht gemacht. Aber ich finde es auch besser. Also den Namen Martin, du hörst das jetzt nicht mehr, beziehungsweise jetzt erst bei der Ausstrahlung, go. Ja, wir haben, wir wissen jetzt alles.

43:00 Jan Henrik Pusch: Ja, ich denke, jetzt können wir dann auch Konzertfilme schneiden.

43:05 Rainer Nigrelli: Ich bin übrigens sehr, sehr gespannt auf diese Timeline mit den Farbcodes und so. Die veröffentlichen wir auf Instagram. Schaut dann natürlich gerne mal vorbei. Und wenn ihr dabei auch schon seid, dann schreibt uns doch einfach mal, sagt uns doch mal was. Oder sagt uns doch mal, was wir noch machen sollen. Mit wem wir noch sprechen können. Wir haben zwar noch einiges vor, aber wir sind natürlich bei Hinweise dankbar.

43:26 Jan Henrik Pusch: So kann man das alles einfach verstehen lassen.

43:29 Rainer Nigrelli: Danke Adobe an dieser Stelle nochmal für die Unterstützung dieses Gesprächs.

43:33 Jan Henrik Pusch: Ja und dann würde ich sagen, bis zum nächsten Mal.

43:37 Sprecher: Sie haben gesehen, Filmschnitt ist also gar nicht zu kompliziert. Und denken Sie immer daran. Harte Bildsprünge von Totale auf Nahaufnahme müssen dramaturgisch gerechtfertigt sein. Denn sie überfordern den Betrachter und wirken gekünstelt. Wie viel Lärm um nichts.

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