Der Podcast über Filmschnitt
Episodencover Folge 64: Partitur – Cut to the Conductor – Credit to the Edit Podcast

Partitur – Cut to the Conductor

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Wie Sascha Etezazi mit Partitur und Bildmischer Klassikkonzerte in Live-Montage verwandelt

Wer schon einmal eine Übertragung der Berliner Philharmoniker im Stream geguckt hat, hat wahrscheinlich gar nicht bemerkt, dass da jemand in einer Regie sitzt und im Sekundentakt entscheidet, was zu sehen ist. Erste Geige? Pauke? Dirigent? Halbtotale? Der Mann hinter diesen Entscheidungen liest dabei nicht den Spielplan, sondern die Partitur.

Heute geht es im Credit to the Edit Podcast um eine Variante des Schneidens, die in Echtzeit passiert: Live-Bildregie bei klassischen Konzerten. Zu Gast ist Sascha Etezazi, der für den WDR und andere Sender Konzerte als Streams und Filme begleitet. Sascha erzählt, wie er Wochen vor einem Konzert mit der Partitur „ins Bett“ geht, wie er aus jedem Takt eine Bildidee macht und warum sein Job am Ende vor allem eines verlangt: Vertrauen. Vertrauen vom Bildmischer, der seine Anweisungen sekundengenau umsetzen kann. Vertrauen vom Orchester, das sich nicht ungerecht ins Bild gesetzt sehen will. Und Vertrauen ins eigene Bauchgefühl, wenn der Dirigent plötzlich vom Plan abweicht.

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zu Gast

Sascha Etezazi ist Tonmeister, Klangregisseur und Komponist. Er studierte Tonmeister am Erich-Thienhaus-Institut der Hochschule für Musik Detmold bei Bernhard Güttler und Komposition an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf bei Oliver Schneller.

Seine Arbeit bewegt sich zwischen CD- und Radioproduktion, Bildregie, Klangregie und eigener Komposition für Konzert und Klanginstallation. Als Video Recording Producer gestaltet er seit Jahren die Bildregie der Klangkörper des WDR und ihrer internationalen Gäste; als Klangregisseur ist er regelmäßig bei den Darmstädter Ferienkursen, den Donaueschinger Musiktagen und Podium Esslingen aktiv. Aktuell beschäftigt er sich verstärkt mit der musikalischen Erkundung virtueller Umgebungen und mit den künstlerischen Mechanismen der Digitalität.

Eine Folge über das Schneiden ohne Schnitt-Taste, über die Dramaturgie eines Konzertabends als Filmgrammatik und über den einen Konzertschnitt, der gegen die Maus verloren hat. Unbedingt reinhören!

Sascha Etezazi
(c) Dirk Schelpmeier

„Ich sehe mich als letzter Musiker und erstes Publikum.“

Sascha Etezazi
Aus jedem Takt eine Bildidee: Bei der Arbeit mit der Partitur und dem Sinfonieorchester
Aus jedem Takt eine Bildidee: Bei der Arbeit mit der Partitur und dem Sinfonieorchester (c) Andreas Bindzus

Timeline-Shortcuts

00:06Anmoderation 01:55Gesprächsstart / Was machst du als Video Recording Producer? 06:18Vorbereitung & Partitur: Wochen vor dem Konzert 14:20Dramaturgie der Bilder: Mikro, Makro, Dirigent als Anker 24:30Zeitdruck, Vertrauen & Konflikte am Bildmischer 36:00Schnittschau & Tipps: Karajan, Sokolov, Messiaen 46:25Kategorien: Anekdote & Liebling der Woche 52:58Abmoderation

Weiterführende Infos

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00:00 Sprecher: Liebe Filmfreunde, herzlich willkommen. Heute ist Thema die Filmmontage in Theorie und Praxis.

00:15 Rainer Nigrelli: Ja, hallo und herzlich willkommen zu Credit to the Edit, dem Podcast über Filmschnitt. Hier sprechen wir mit FilmeditorInnen aus allen Genres. Und das Beste daran ist, wir sind selber Filmeditoren. Mein Name ist Rainer Nigrelli.

00:28 Jan Henrik Pusch: Und mein Name ist Jan Henrik Pusch. Und Rainer, ich glaube, mit der heutigen Folge kommen wir nochmal ganz nahe daran, was unsere Idee ist, die uns immer wieder verfolgt, nämlich, dass wir mal Dinge kennenlernen, die wir selber so nicht in unserem beruflichen Alltag drin haben. Das ist jetzt weit weg von dem, was wir sonst so schneiden.

00:52 Rainer Nigrelli: Eines Tages haben wir eine Nachricht nämlich erhalten auf Instagram, die uns ein Video zeigte mit einem Menschen, der eine Partitur las und währenddessen Kameraansagen gemacht hat. Und dieser Mann, das war Sascha Etezazi. Wir fragen ihn gleich, was er beruflich macht, ich glaube, das ist gar nicht so leicht zu sagen. Aber der sagt an, bei einem klassischen Konzert, wer wann gezeigt werden muss. Und das ist gar nicht so leicht, wie ihr euch vorstellen könnt, wenn da ein 90-Personen-Sinfonieorchester gefilmt werden soll.

01:29 Jan Henrik Pusch: Und was das mit Schnitt zu tun hat, das werden wir, glaube ich, alles in dem Gespräch hören. Die Nachricht kam von meiner Schwester, noch mal Props an sie, vielen Dank. Viele Grüße. Und dann danken wir noch der Stiftung Kulturwerk von der VG Bildkunst. Und dann gehen wir jetzt ab ins Gespräch.

01:48 Rainer Nigrelli: Du musst sagen, und eins, zwei, drei, vier, und? Ich weiß nicht, was man da so sagen will.

01:59 Sprecher: So ergab es sich, dass das Konzert Herbert von Karajans im Realmitschnitt des Sonntagskonzerts in ZDF zu einer illegitimen Überhöhung dieser nur lückenhaft entnazifizierten brünstigen Wagner-Ikone verkam. Permanentschnitt der unselige Kötter auf den fuchtelnden Posierpatrizier seiner Gnaden mit den wehenden Aschelocken zurück und missachtete dabei schmählich die schuftenden Musiker des Maschinenraums, ohne die der Nibelungen-Oper seinen Dirigentenstab in die Taube leere knuffen würde. Oh, Kötter, schaut den Trommler, den Geiger, den Klarinetisten, die Bratscherin, all die einfachen Handwerker am Holz und Blech, denen ihr einen Schnitt verwehrt habt, nur um auf dem Dirigenten zu verweilen. So als ob man im Film stets auf den Regisseur und nicht auf die Schauspieler schneiden würde.

02:50 Jan Henrik Pusch: So Sascha, du lächelst schon über dieses Intro. Das freut mich. Erstmal hallo.

02:57 Sascha Etezazi: Hi.

02:58 Jan Henrik Pusch: Erstmal müssen wir glaube ich Danke sagen, weil Rainer und ich hatten einen sehr schönen Abend gestern. Dank dir waren wir mal wieder zusammen in einer vierten Reihe, was ja sonst im Kino eher zu Diskussionen zwischen uns führt. Gestern waren wir sehr froh, so nah vorne sitzen zu dürfen, denn wir waren in der Philharmonie und haben ein Konzert gesehen, wo du mitarbeitest und ich glaube, da wir dich nicht gesehen haben und insgesamt du ja sehr im Verborgenen arbeitest, wollen wir jetzt mal darüber sprechen, was du eigentlich bei diesen Konzerten, wie das, wo wir gestern waren, machst.

03:35 Sascha Etezazi: Genau, also in klassischen Konzerten ist meine Aufgabe, die Partitur zu lesen, in der Kölner Philharmonie gestern für den WDR vor allem. Im Prinzip ist die Aufgabe, dem Bildmischer und den Kameraleuten zu sagen, wann welches Instrument relevant ist, weil natürlich Kamerapersonal und Bildmischer nicht auch mit Partituren da sitzen können. Das wäre zum einen sehr aufwendig, zum anderen müssten die das natürlich auch alle können. Genau, um dann eben eine Aufzeichnung der Livestream auch möglich zu machen und natürlich dann auch dem Publikum das zu zeigen, was wichtig sein könnte.

04:09 Jan Henrik Pusch: Und das heißt, wie ist da die Aufteilung? Also gibt es auch noch eine Regie oder ist der Bildmischer automatisch dann derjenige, der die Kameras auswählt?

04:21 Rainer Nigrelli: Also man muss dazu nochmal sagen, ein Bildmischer, das bedeutet, dass was man später dann sehen wird, das wird da bestimmt.

04:28 Sascha Etezazi: Genau, der Bildmischer schneidet quasi in Echtzeit das Programmbild, das entweder aufgezeichnet oder gesendet wird und hat insofern quasi die letzte Gewalt darüber, was gezeigt wird. Es gibt da so verschiedene Modelle. Ich sag jetzt mal vielleicht, wie es beim WDR gerade läuft. Da heißt das, was ich mache, auch nicht Partiturleser, sondern Video Recording Producer.

04:53 Rainer Nigrelli: Wow.

04:54 Sascha Etezazi: Jaja. Wow. Weil der Begriff Partiturleser kommt, glaube ich, so ein bisschen aus dem, wie man das früher auch mit Fernsehen gemacht hat, dass ein Regisseur eine Schnittliste vorbereitet, die wirklich eine Schnittliste ist. Das heißt, da wissen die Kameras auch quasi mit Cues, was der nächste Cue ist und was dann ein konkreter Inhalt ist. Und dann wird meistens nur so geschnippt. In meinem Fall ist das ein bisschen anders. Ich würde sagen, wir machen so ein bisschen mehr eine Kollektiv-Improvisation. Ich habe nicht die Möglichkeit, eine komplette Schnittliste so auszuarbeiten, wie das ein Regisseur machen würde. Vor allem aus zeitlichen Gründen, aus Vorbereitungszeitgründen. Und dann wird so ein bisschen geschaut, welche Kamera ist gerade frei, welche kann das übernehmen, wie kann man das vielleicht auch verbinden.

05:41 Das kann ich auch vordenken. Da kommen wir vielleicht später auch noch ein bisschen mehr dazu. Also die Regie entsteht mehr oder weniger im Kollektiv.

05:49 Jan Henrik Pusch: Und dann nehmen wir uns, bevor wir dann mal darüber sprechen, wie diese Improvisation dann aussieht, würde ich gerne einmal darüber reden, wie bereitest du denn dann sozusagen die Partitur vor? Also das gehst du sie dann wirklich durch und hast dir Markierungen gesetzt, was du wann sehen möchtest. Ist das wirklich eigentlich schon eine Art Storyboard?

06:08 Sascha Etezazi: Ja, total. Also genau, ich komme aus der Musik vielleicht, um da her zu sagen, deswegen kann ich auch Partituren lesen und ich bin eigentlich Tonmeister und bin gar nicht in dem Videoteil so drin. Ich hatte das im Studio ein bisschen gemacht, weil natürlich auch klassische Musiker spätestens seit Corona, aber auch schon die meisten vorher gewusst haben, dass es irgendwie Kameras gibt und dass man sich damit auch online zeigen kann.

06:28 Rainer Nigrelli: Was hast du studiert?

06:30 Sascha Etezazi: Ich habe Tonmeister und Komposition studiert.

06:32 Rainer Nigrelli: Weil das darf man nicht vergessen. Also Jan, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mein Partitur-Game ist jetzt nicht das Beste. Und ich habe da schon Schwierigkeiten da zu folgen.

06:43 Jan Henrik Pusch: Deins ist nicht das Beste und meins ist noch darunter, würde ich jetzt mal sagen und dementsprechend, ja.

06:49 Rainer Nigrelli: Um das mal festzuhalten, ok, also du bist quasi auf so einem Level, wo du halt wirklich professionell damit arbeiten können musst. Das heißt, du bist da, du trainierst das und kannst das.

06:59 Sascha Etezazi: Genau und ich bin auch Musiker. Also man wird Tonmeister, wenn man Musiker ist oder wenn man technisch und musikalisch sehr gut begabt ist. Und genau, also bei der Vorbereitung gehe ich im Prinzip durch die Partitur. Ich höre mir meistens die Stücke natürlich vorher an. Manche Stücke kenne ich auch. Es ist ja oft auch irgendwie Repertoire, was gespielt wird. Nicht so, dass ich jetzt auswendig jeden Takt sagen könnte, aber so ungefähr welche Epoche, welcher Stil hat der Komponist, was erwartet mich dann. Und genau, man fokussiert, was man erzählen möchte und es gibt viele Möglichkeiten, Musik zu erzählen, aber es ist natürlich wichtig, dass das informiert passiert.

07:38 Von jemandem, der versteht, was die Musik sagen möchte. Und vielleicht noch ein Vergleich, den ich immer nenne, wenn mich jemand fragt, ich weiß nicht, ob er diese Rallye-Autorennen kennt, wo so zwei Menschen in so einem, keine Ahnung, Toyota oder sonst was irgendwie sitzen und einfach durch so eine Wüste jagen und der Fahrer weiß gar nicht...

07:58 Rainer Nigrelli: Dakar Rallye.

07:58 Sascha Etezazi: Genau, so Dakar Rallye. Der Fahrer weiß gar nicht, wo es lang geht und neben ihm sitzt so ein Typ und sagt eben, keine Ahnung, was die dann sagen, in 30 Metern rechts und dann aber links leicht raus und so weiter.

08:10 Jan Henrik Pusch: Links drei in so und so viel mehr.

08:13 Sascha Etezazi: Das bist du? Das bin ich. Ich bin quasi dieser Beifahrer, weil manchmal ist es auch wirklich bewildert, wie in diesem Auto, dass man so kurz vor dem Crash steht. Jetzt verstehe ich. Genau und die Kammerpersonen fahren dann eben da durch, wissen gar nicht so richtig, was passiert und vertrauen mir dann auch, dass ich die da durchbringe und dass auch quasi deren Arbeit gut dargestellt wird und dass da nicht irgendwelche Reiser drin sind oder man auf Instrumente zeigt, die gerade nicht mehr spielen. Das ist natürlich dann immer der Super-Gau.

08:40 Jan Henrik Pusch: Aber das heißt, du sagst es dann sozusagen immer an und du hast ja aufgeschrieben, das ist in dem Moment wahrscheinlich wichtig, weil du es dir vorvisualisiert hast. Und dann sagst du dem Bildmischer an, das kommt und der entscheidet dann, welche Kameraperson das am besten filmen kann.

08:55 Sascha Etezazi: Die Kommunikation ist von meiner Seite im Prinzip, sag ich mal, in einem Unicast. Ich spreche einfach zu denen und ich sehe so ein bisschen, was passiert, aber es hören mich alle. Und ich sende nur meine Informationen, ich sehe so ein bisschen, kommt das an. Aber das mache ich eher so in den Proben und wenn es dann wirklich hart auf hart kommt, bin ich eigentlich wirklich in meiner Partitur und sage nur an und weiß auch gar nicht so 100% manchmal, was dann wirklich passiert. Man spürt das natürlich, man bekommt ein bisschen Feedback. Man sieht das vielleicht aus dem Augenwinkel, das Programmbild.

09:28 Rainer Nigrelli: Und das Programmbild, also wenn ich es jetzt richtig verstehe, der Bildmischer, die Bildmischerin, die hören, was du sagst, die Kameramenschen hören, was du sagst und dann passiert etwas und was auch immer dann noch passiert, das hast du nicht mehr unter Kontrolle, aber du bietest sozusagen an.

09:44 Sascha Etezazi: Genau. Ich sage als nächstes obor, wenn die Kamera, die sonst immer obor zeigen würde, gerade mit was anderem beschäftigt ist, muss eben gemeinsam geschaut werden.

09:54 Rainer Nigrelli: Ja, das ist das Improvisatorische daran. Genau.

09:56 Sascha Etezazi: Die Kamerapersonen haben auch einen kleinen Splitscreen. Die sehen die anderen Kameras, die sehen, was gerade gemacht wird. In den Proben stellt sich schon ein bisschen raus. Es gibt so Segmente, das heißt, eine Kamera weiß, dass sie zum Beispiel die Hafe besonders gut bekommt oder eben die Oboe, aber für die Trompete ist die Tuba im Weg oder sowas. Das heißt, wenn ich dann sage Tuba, dann fühlt sie sich natürlich erst mal nicht verantwortlich. Genau. Aber trotzdem, wenn dann gesehen wird, okay, das wird irgendwie knapp, dann kann man vielleicht trotzdem nochmal versuchen, okay, vielleicht eine Tuba vorbei oder so, dann hat man es wenigstens.

10:30 Rainer Nigrelli: Ihr nehmt ja auch heute Abend noch mal das Konzert auf, das wir gestern Abend gesehen haben. Das heißt, wahrscheinlich macht ihr das auch, um dann eine optimierte Version daraus zu erstellen. Es wird jetzt nicht zwei Aufnahmen, die dann irgendwie gezeigt werden, sondern die werden kombiniert, nehme ich an.

10:47 Sascha Etezazi: Ich sage es ja genau. Also heute Abend wird dann eben der Livestream sein. Gestern war für uns eine Aufzeichnung und damit auch eine Probe. Und heute Abend wird eben ein Livestream sein. Das heißt, ihr könnt es euch auch dann quasi nochmal anschauen, wenn ihr Lust habt.

11:00 Rainer Nigrelli: Auf jeden Fall. Auf jeden Fall.

11:02 Sascha Etezazi: Genau. Das heißt, heute zählt es für mich.

11:05 Rainer Nigrelli: Oh Gott. No Pressure.

11:07 Sascha Etezazi: Genau.

11:08 Jan Henrik Pusch: Da will ich eine Frage stellen, weil wir gestern da waren und ich die Kameraperson gut beobachten konnte. Werdet ihr was umstellen in dem Moment, wo die Solo-Violine aufgetreten ist?

11:20 Rainer Nigrelli: Das sag ich vielleicht auch gleich. Wir können ja auch an dieser Stelle nochmal ganz kurz sagen. Das war das WDR-Konzert Resonanzen, Hadelich & Schostakowitsch.

11:27 Sascha Etezazi: Genau.

11:28 Rainer Nigrelli: Und das Stück, das du gerade beschreibst, ist das Violinkonzert von Schostakowitsch. Das erste, sorry. Und die Violine war Augustin Hadelich.

11:37 Sascha Etezazi: Das ist auf jeden Fall ein sehr tolles Konzert gestern. Wahnsinn.

11:40 Rainer Nigrelli: Ja, Wahnsinn.

11:40 Jan Henrik Pusch: Ja, auf jeden Fall. Ich hatte aber den Eindruck, dass in dem Moment, in dem er aufgetreten ist, die Kamerapersonen ein wenig hektisch wurden, weil ich mir nicht sicher war, ob er genau die Position eingenommen hat, die er hätte einnehmen sollen. Ich glaube, eine Kameraperson hat die ganze Zeit versucht, ihn noch irgendwie zu filmen, aber da war dann der Dirigent so im Weg und dass ich so den Eindruck hatte, vielleicht ist das etwas, was man beim nächsten Mal versuchen würde umzustellen oder war das eine Fehlinterpretation?

12:18 Sascha Etezazi: Es gibt auch im Produktionsumfang verschiedene Varianten. In der Variante war das jetzt so, dass das gestern Abend nicht nur unsere Probe war. Das heißt, da gibt es auch andere Varianten. Das ist dann immer abhängig vom Probenplan, was auch gemacht werden kann. Für mich war das eben die Probe, ob meine Auflösung oder nicht meine Auflösung. Das ist ja keine Auflösung, aber meine Fasthauflösung eben funktioniert. Deswegen wirkte das vielleicht noch ein bisschen so, dass es eben noch gesucht wurde.

12:47 Rainer Nigrelli: Vielleicht können wir jetzt mehr dahin kommen, vielleicht auch ein bisschen mehr in dieses, was gestern so die Erfahrung war. Also es war ja nicht nur Schostakowitsch stand ja nicht nur im Programm, sondern auch Sibelius, ein Stück von Sibelius und noch die Symphonie 2 von ihm. Und mir ist aufgefallen, die haben alle sehr unterschiedliche Herausforderungen. Was zum Beispiel einfach Orchestergruppen angeht, wann man was zeigt oder wenn auch wirklich tatsächlich auf einmal nur Violinen zu hören sind und zwar alle. Oder das Violinkonzert natürlich, wie man mit der Solo-Violine eigentlich umgeht. Bleibt man nur da drauf die ganze Zeit und so. Also was war sozusagen da die große Herausforderung?

13:31 Auch bei der Symphonie Nummer 2, wo einfach alles, alles was so ein spätromantisches Sinfonieorchester macht, wie bildet man das ab? Also was ist da so die Herangehensweise?

13:42 Sascha Etezazi: Das hängt vom Werk ab einfach.

13:44 Rainer Nigrelli: Jedes Werk ist anders.

13:45 Sascha Etezazi: Ich sehe auch meine Aufgabe eben, sag ich mal, das Werk zu vertreten und die Musiker natürlich irgendwo. Und da gibt es jetzt kein Patentrezept. Die Herausforderungen bei Sibelius im Speziellen sind sehr groß, weil er sehr, ich versuche es mal nicht negativ zu formulieren, oder sag ich so, ich habe gestern ein bisschen aufs Radioprogramm mitgehört in der Pause und da wurde ein Adorno-Zitat über Sibelius genannt. Und das ging ungefähr so, dass Sibelius-Musik nicht die Musik der 1000 sehen, sondern eine 1000 Löcher sei.

14:21 Rainer Nigrelli: Oha, was meint das?

14:22 Sascha Etezazi: Also Adorno war sehr kritisch gegen Sibelius anscheinend. Es hat Löcher einfach. Es passiert was und dann passiert irgendwie nicht so viel. Also nicht, dass nicht gespielt wird, aber so musikalisch nicht. Genau zum Beispiel, wenn man an den vierten Satz denkt, da beginnen die Streicher mit dem Thema. Da da da da da da da da. Und dann passiert erstmal nichts und die Kontrabässe machen nur rum, rum, rum. Und dann irgendwann kommt eine Trompetenfanfare und dann wieder nichts. Und dann kommt irgendwie wieder irgendwas und dann wieder nichts.

14:55 Rainer Nigrelli: Ja, interessant.

14:56 Sascha Etezazi: Das ist für die Arbeit oder für den Modus, den wir machen, sehr schwierig, weil ich kann dadurch nicht so schnell Bilder fordern, weil eben manche Dinge ein bisschen Zeit brauchen und das macht es schon sehr herausfordernd. Das andere ist, dass es oft zum Beispiel Wechsel gibt zwischen Holzbläserstreicher, Holzbläserstreicher. Es gibt Strategien, wie ich das versuchen kann einzuleiten und das funktioniert dann auch, aber man muss das alles schon gut planen und eben verstehen, ist das jetzt wichtig oder gibt es vielleicht was, was ich sonst zeigen kann? Vielleicht ist es auch okay, einfach mal die Begleitung zu zeigen, weil die eben konstanter durchgeht. Genau.

15:37 Rainer Nigrelli: Ja, weil ich meine, mich zu erinnern, dass Konzert doch eigentlich auch so was bedeutet, dass sich was streitet. Also ich glaube, es hat irgendwas damit zu tun, dass es dann halt so ein Dialog gibt oder so. Oder wenn man daran denkt, dass es bei symphonischer Musik sehr oft die Melodie gibt und den Kontrapunkt dazu.

15:55 Sascha Etezazi: Genau, ja.

15:56 Rainer Nigrelli: Und das kann man ja abbilden oder man kann sozusagen nur die Melodie abbilden, man könnte aber auch komplett auf dem Kontrapunkt bleiben. Also der andere Melodie, die gleichzeitig zu hören ist und genauso wichtig ist und so. Das ist natürlich eine Riesenfrage, wie man das, was man da gerade zeigt, ne?

16:11 Sascha Etezazi: Und gerade wenn wir jetzt zum Geigenkonzert gehen, da gibt es viele Aspekte, die ich natürlich bedenken muss. Zum einen hat man Weltklasse Geiger, dem gehört die Bühne. Trotzdem gibt es Musik drumrum. Es gibt Konzerte, die sind unterschiedlich angelegt. Es gibt manche, die sind sehr virtuos und dann bleibt man eigentlich derenseits bei der Geige. Und es gibt Musik, da gibt es mehr in Dialog und das muss man eben auch wissen. Gerade bei Schostakowitsch, ich finde das ein faszinierendes Geigenkonzert, weil es sehr narrativ ist. Also es hat, finde ich, so eine sehr starke Storytelling. Und das Orchester ist, finde ich, ein bisschen mehr gleichberechtigt. Und vielleicht, um da auch für die Nerds ein paar Stellen rauszuholen, im dritten Satz gibt es die Passacaglia.

16:56 Und eine Passacaglia hat ein Thema. Und das wurde am Anfang im Bass gespielt. Das Dumm, Dumm, Dumm, Dumm. Dumm, Dumm, Dumm, Dumm. Und so weiter. Und das geht die ganze Zeit durch. Und dann ist natürlich die Frage, wann zeigt man das? Zeigt man das jedes Mal, wenn jedes Instrument das spielt? Wann zeigt man das? Wann zeigt man das nicht? Wann ist der Geiger wichtiger? Es gibt eine Stelle, da spielt er das Thema auf einmal. Das wäre natürlich super, wenn man das zeigt und wenn man dann auch Zusammenhänge herstellen kann. Da muss man das aber natürlich vorbereiten, dass man am besten vorher auch die anderen Instrumente zeigt, dass man versteht, das war jetzt bei dem Instrument, dann war es bei dem Instrument.

17:34 Und jetzt ist es endlich das erste Mal bei dem Geiger gelandet. Das sind alles musikalische Dinge, die ich natürlich wissen und verstehen muss aus der Partitur. Und dann natürlich auch versuchen muss, ins Bild zu übertragen und auch in der Situation versuchen muss, herzustellen, also auch meine Ansagen so zu gestalten, dass ich das auch schaffe, weil es eben nicht festgelegt ist. Eine andere Stelle in dem Konzert, ich glaube, es ist in einem anderen Satz, das ist dann eher so fugenhaft, da spielt er die ganze Zeit, er dudelt die ganze Zeit eigentlich rum, über vier Minuten, glaube ich.

18:08 Rainer Nigrelli: Kannst du auch kurz erklären, was eine Fuge ist, für die, die es nicht ist?

18:11 Sascha Etezazi: Eine Fuge ist im Prinzip eine Art zu komponieren, bei der es auch ähnlich, wie bei dem, was ich gerade gesagt habe, wieder ein Thema gibt. Aber das Thema wird durch verschiedene Stimmen durchgereicht auch. Und es gibt dann immer einen Kontrapunkt, wie du gesagt hast, als eine Gegenstimme, bzw. die Stimme entwickelt sich in eine Gegenstimme für die nächste Stimme, die dann wieder mit dem Thema einsteigt und so weiter.

18:35 Rainer Nigrelli: Und das sind so bestimmte Gesetze sozusagen, und dann ist es eine Fuge.

18:38 Sascha Etezazi: Genau, die bestimmten Regeln folgen oder gefolgt sind. Und da gibt es natürlich auch einfach Wandlungen davon in der Musikgeschichte.

18:46 Rainer Nigrelli: Aber es klingt komplex, also so, als würde das rumspringen im Orchester.

18:49 Sascha Etezazi: Genau, also während z.B. Sibelius am Ende alle eigentlich die Melodie spielen, da da da, da da da da, und alle zusammen die gleichen Töne, ist bei einer Fuge eher so, dass jeder so sehr Einzelgänger ist in der Musik. Oder jede Stimme. Und das ist z.B. eine Stelle, da spielt er ganz viel, aber eigentlich nur so ein bisschen für sich allein. Und das Orchester hat so mehr das thematische Material und geht mehr ins musikalische rein, sag ich mal. Dann ist natürlich die Frage, gehe ich jetzt an der Stelle häufiger weg von ihm? Weil er ist zwar der Solist und er spielt natürlich sehr beeindruckend und auch sehr virtuos an der Stelle, aber musikalisch ist eigentlich das Orchester gerade dabei, sich ihm aufzudringen und ein bisschen an die Seite zu drücken.

19:32 Und das meine ich auch ein bisschen so mit Narrativ. Auf einmal gibt es so einen Gegenspieler, der vielleicht den Protagonisten ein bisschen zur Seite drückt. Und dann ist die Frage, wie viel Platz gibt man dem Gegenspieler, um eben auch z.B. wieder aufzulösen. Am Ende kommt er aber wieder raus und hat dann diese große Kadenz, wo er vier Minuten komplett allein spielt und das Orchester gar nichts spielt.

19:51 Rainer Nigrelli: Ich habe das Gefühl, weil ich die ganze Zeit hier deine Partitur vor dir sehe und sehe, dass da schon so ein paar Markierungen drin sind, ob wir das nicht einmal machen sollten. Also ob wir vielleicht mal mit dir, ob du uns da so ein bisschen klarer zeigen könntest, was du da eigentlich so genau treibst. Ich sehe, du bist musikalisch wieder woanders. Du bist jetzt in Russland bei Rimsky-Korsakow-Scheherazade, hast du uns mitgebracht.

20:18 Sascha Etezazi: Genau.

20:19 Rainer Nigrelli: Und wenn ich mich richtig erinnere, hat das sehr viel mit Violine auch zu tun.

20:22 Sascha Etezazi: Ja, das ist richtig. In dem Fall kenne ich das Stück natürlich. Ich habe sogar selbst mal gespielt im Jugendorchester. Ich freue mich total drauf, weil ich denke, endlich.

20:32 Rainer Nigrelli: Das macht Spaß.

20:33 Sascha Etezazi: Das macht Spaß. Natürlich solche Stücke sind total faszinierend. Und dann setze ich mich im Prinzip hin über den Tag und höre mir das an und notiere mir quasi, was ich zeigen will. Das mache ich persönlich in so mehreren Schritten. Wie gesagt, in dem Fall kenne ich das Werk ganz gut. Manchmal, wenn es neue Musik ist. Ich sehe die Partitur, aber es gibt auch zum Beispiel noch keine Aufnahme davon. Gehe ich auch mal in Proben rein, um auch da zu verstehen, wie klingt das denn letzten Endes. Man sieht ja manchmal Dinge und denkt, das müsste man hören, aber man hört das gar nicht. Das hängt dann natürlich auch von der Tonmischung noch ein bisschen ab.

21:10 Rainer Nigrelli: Aber das ist sozusagen so Mainstream jetzt dieses Standard.

21:12 Sascha Etezazi: Genau, das ist so Mainstream, dass ich das da nicht machen musste. Und genau, dann gehe ich meistens Satz für Satz durch. Und denke tatsächlich erst mal bildtechnisch, insofern, dass ich mir anhöre und in sehr groben Abschnitten einteile, wo soll auf jeden Fall ein Schnitt sein.

21:32 Rainer Nigrelli: Und sehen wir hier schon Schnitte? Hast du die eingebaut?

21:35 Sascha Etezazi: Ich habe die, die sind mittlerweile, also ich variere das so ein bisschen, aber vielleicht nach der Einleitung zum Beispiel, das ist jetzt dieses relativ komplex, also man hat erst mal das Thema und dann gibt es eine sehr durchbrochene Arbeit, also viele Pausen, viele Leerstellen, dann kleine Akkorde, dann wieder Pause, dann wieder Akkorde und dann gibt es zum Beispiel das Geigensolo, das was du auch gerade gesagt hast, das berühmte Geigensolo und dann kommt man eigentlich erst mal an. So und das war jetzt gerade die ganze Introduktion. Wenn man jetzt hier anfängt, dann ist man erst in dieser Wellenlandschaft, die Rimsky-Korsakov da aufgebaut hat und ich glaube, das erste ist eben auch sinnbar, wenn ich mir das richtig notiert habe, aber ich weiß es gerade nicht mehr.

22:24 Genau. Und dann kommt das Thema des ersten Satzes oder das kommt auch später in der Sinfonieorchester und das ist hier eine Stelle zum Beispiel, das wiederholt sich das Thema einfach sehr oft und das wiederholt sich in sehr vielen Varianten. Also das geht hier einmal durch und das sind so Dinge, wo ich dachte, spätestens hier, wenn ich hier jetzt bei den Geigen die Melodie folge, spätestens an der Stelle, wo diese Linien sind, möchte ich eigentlich einen Schnitt im Bild sehen. Und so gehe ich erstmal durch und das sind manchmal längere Abschnitte, manchmal kürzere Abschnitte.

22:50 Jan Henrik Pusch: Da oben ist ein Schnitt sozusagen.

22:52 Rainer Nigrelli: Also manchmal sind es sechs Takte, manchmal sind es 20, 30, manchmal 40 Takte.

22:58 Sascha Etezazi: Je nach Tempo. Genau. Und so gehe ich erstmal durch, nur damit ich quasi eine Auflösung habe, die der Musik folgt.

23:07 Rainer Nigrelli: Eine inhaltliche.

23:08 Sascha Etezazi: Inhaltlich, genau. Ich sage, okay, da ändert sich jetzt die Musik so stark. Zum Beispiel hier ist das die große Einleitung. Das Thema kommt 20.000 Mal. Mal in dem Instrument, mal in dem Instrument. Da weiß ich, okay, wenn große Instrumente wechseln, möchte ich auch einen Schnitt. Und hier auch musikalisch ein sehr großer Schnitt bei B, wo dann die Klarinetten und Fagotte eben ein anderes Thema zeigen. Und da weiß ich, okay, da muss ich auf jeden Fall schneiden, weil dann folgt das Bild der Musik und die Musik wird gut dargestellt. Und dann gehe ich dazwischen und sage, okay, wenn ich aber jetzt von diesem Schnitt zum nächsten möchte, wie kann ich das dazwischen auflösen, was gibt es dazwischen, was interessant ist.

23:46 Und ich arbeite mit Papier, weil ich das persönlich sehr gern mag, es gibt mittlerweile auch iPads und sowas. Und überlege mir dann auch tatsächlich, was möchte ich zeigen. Also hier habe ich zum Beispiel gesagt, beim ersten Mal, wo das Thema kommt, wo diese Wellenlandschaft aufgebaut wird, nachdem die Geige, die ja Sherazade ist, also quasi die in der Sage die Frau, die den Sultan verführt und eben mit diesen tausend Märchen versucht, ihrem Tod zu entgehen, glaube ich, wenn ich das richtig erinnere. Dann komme ich quasi in die Geschichte. Und dann sage ich, okay, jetzt habe ich mir die Note Totale aufgeschrieben. Also ich gehe auch dann dahin und sage, ich möchte zum Beispiel, ich denke auch in Bildeinstellungen, obwohl ich nicht so sehr aus dem Bild komme.

24:35 Über die Zeit habe ich natürlich ein bisschen Erfahrung und sage, okay, erst mal möchte ich das ganze Orchester sehen. Also habe ich die Note Totale aufgeschrieben. Und die Streicher sind in der Totalen sehr gut zu sehen, weil sie einfach eine sehr große Masse sind. Das heißt, wenn sie dann das Thema spielen, muss ich mir darum keine Gedanken machen. Das heißt, obwohl die Geigen zum Beispiel zwei Tage später spielen, habe ich mir die jetzt nicht nochmal notiert. Dann kommen aber die Holzbläser, die mit diesen Akzenten reinkommen.

24:55 Rainer Nigrelli: Wieder ein Zettel, ne?

24:56 Sascha Etezazi: Genau. Und dann noch eine Notiz für die Holzbläser. Und dann gibt es auch mal so Stellen zum Beispiel, irgendwann gute Hörnersthema die ganze Zeit, aber hier diese Wellenbewegung, die die ganze Zeit in den Celli kommt, das wäre doch auch mal was, wenn man das jetzt danach so ein bisschen zeigt, um eben jetzt so langsam reinzugehen, okay, wir haben den Gesamtklang gesehen, dann fängt man an einzelne Spotlights zu setzen, die Melodie ist bekannt, die wurde etabliert und dann gehe ich aber zum Beispiel kurz bevor ich in die nächste Stelle gehe, gehe ich zum Beispiel nochmal in die Melodie in den Geigen, um das einfach nochmal abzuholen und zu sagen, okay, diesen Teil schließen wir jetzt ab und das habt ihr gerade gehört und dann gehen wir quasi weiter zum nächsten Teil.

25:42 Jan Henrik Pusch: Rainer, geht dir das auch so, dass du gerade da eine Timeline vor dir siehst? Das ist ja wirklich eine Timeline mit Schnitten und dann die Ansage, welche Spur man jetzt sozusagen nach oben geht.

25:55 Rainer Nigrelli: Ja genau, also du highlightest sozusagen, was du sichtbar machen können wollen würdest. Und mir ist aufgefallen, als du am Anfang erzählt hast, von diesen großen Strichen, wo du sagst, das ist die inhaltliche Einteilung, das wäre bei uns wahrscheinlich so eine Art Makro-Dramaturgie und danach gehst du in die Mikro-Dramaturgie. Und sagst, guck mal, hier gibt es eine Linie, die würde ich gerne verfolgen, die sollten wir mal zeigen, jetzt das, ne?

26:17 Sascha Etezazi: Ja, genau.

26:18 Rainer Nigrelli: Und ist das so was, was wir haben, also bei uns gibt es ja so sehr oft, dass wir sagen, wenn man da so einen ganz tollen Schauspieler hat in einem Film, dann schneidet man sehr gerne zudem. Ist das auch was, was bei euch passiert? Hey, zur Not, wir schneiden halt wieder den Dirigenten, in dem Fall übrigens gestern Dima Slobodeniouk. Das ist doch wirklich auch so ein Anker, oder? Also man erzählt ja so ein Konzert auch über diese Person, die das Orchester leitet.

26:41 Sascha Etezazi: Genau. Also ähnlich wie der Solist, steht der Dirigent meistens auch relativ groß auf den Plakaten. Das heißt, das ist natürlich auch eine Person, die im Prinzip ja auch die Interpretation an dem Abend schafft durch das Orchester. Das ist mir auch wichtig, ihn nicht nur als Notlösung zu zeigen. Ich hatte gerade angesprochen am Anfang, diese Pausen zum Beispiel in der Einleitung, nachdem das Orchester den ersten Aufschlag macht und dann kommen diese Akkorde in den Holzbläsern. Da sind immer ganz Pausen dazwischen. Zum einen ist natürlich Pause, das heißt, es ist eine Leerstelle. Man könnte auch natürlich eine Totale zeigen, aber der Dirigent macht ja ganz viel in dem Moment und wartet und gibt ein Zeichen und versucht auch mit dem Ausdruck eben, den Klang vorzugeben.

27:25 Und das sieht ja das Publikum vor Ort eigentlich nie. Also das ist was, das können wir zeigen. Da ist der Mehrwert in der Aufzeichnung, was in der Philharmonie eigentlich nicht machbar ist, außer man sitzt hinter dem Orchester. Aber da hört man dann nicht so gut.

27:38 Jan Henrik Pusch: Wie ist das denn mit so einem Dirigent? Gibt es da auch schon mal Leute in der Position, denen das auch wichtig ist, sich mit dir in Verbindung zu setzen oder mit der, mit irgendwie irgendwelche Dinge zu sagen zu der Aufzeichnung?

27:52 Rainer Nigrelli: Oder die auch so einen Umschlag zu stecken, wo vielleicht irgendwas drin sein könnte, um Schnittzeit zu ergarten.

27:59 Jan Henrik Pusch: Davon steht ihr mich falsch. Also es geht ja darum, wir besprachen ja davon, dass es ein Team ist. Und wenn du sagst, du musst ja auch die Musik darstellen und dass der dann auch schon mal sagt, hier, das und das ist mir wichtig. Aber das ist sozusagen etwas, das ist dann getrennt voneinander.

28:15 Sascha Etezazi: Ja, genau. Also wir setzen uns so ein bisschen, sage ich mal, auf so ein Konzert drauf. Und in der klassischen Musik ist es auch nicht so, dass über das Bild viel Ausdruck entsteht. Also ich glaube, in der klassischen Musik ist es den meisten Leuten wichtiger, dass das eben ordentlich gezeigt wird und irgendwie okay. Aber es ist nicht so, dass da eben sowas gesagt wird wie, da an der Stelle das und das oder da möchte ich das und das zeigen. Zumindest nicht von Dirigenten, aber mich hat tatsächlich mal von Musikern in Kammerkonzerten erreicht. Und das fand ich ganz schön, als sie gesagt haben, hier bei dem Stück, da ist uns das wichtig und vielleicht könntest du versuchen, das in der Vorbereitung zu zeigen.

28:56 Ja, das fand ich ganz schön und das hat mir auch geholfen und das habe ich auch versucht umzusetzen. Aber da ist die klassische Musik vielleicht noch nicht so weit.

29:02 Rainer Nigrelli: Ich finde es insgesamt auch schwierig, also so Kritik in dieser Übertragungsform. Ich fand das schon immer doof, zum Beispiel aufgezeichnete Opern zu sehen, weil ich der Meinung bin, dass so eine Nahaufnahme von einem Sänger, wo ich wirklich nur den Kopf sehe, der mit voller Wucht, weiß nicht, eine Sonorpartie geben muss, die aber gedacht ist natürlich mit voller Wucht, weil es da ein Sinfonieorchester gibt und einen riesigen Opernraum, den man füllen muss. Und das eben abzubilden in der Kamera, das widerspricht sich, weil wir beim Film sagen ja oft, hey Schauspieler, spiel weniger, wir sehen es ja schon. Du musst jetzt nicht übertreiben, bis für die hinterste Reihe.

29:45 Und das finde ich immer das super Schwierige an Opern zum Beispiel. Und wir kennen das ja auch. Also es ist einfach eine komplett andere Erfahrung, wie gestern in der Philharmonie zu sein und ein WDR Sinfonieorchester vor sich zu haben, als das in der Übertragung zu sehen auf YouTube. Wo ich das wahrscheinlich auf Laptop-Lautsprecher anhöre.

30:03 Jan Henrik Pusch: Was der Rainer dir damit sagen möchte, mach doch einfach nur die Totale. Das ist dann so, so ist es ja dann auch gedacht. Und warum brauchst du gar nichts mehr machen?

30:13 Rainer Nigrelli: Was machst du da? Aber ich denke, das ist eine große Frage für euch, weil was übertrage ich so an Emotionen? Und wie wirkt das dann später? Das müsst ihr euch ja fragen.

30:27 Sascha Etezazi: Ja, total.

30:27 Rainer Nigrelli: Und wie können wir das Stück rüberbringen so?

30:29 Sascha Etezazi: Genau, und da komme ich im Prinzip auch rein, genau in diesen, in dieses Spannungsfeld. Vielleicht, um nochmal so einen anderen Satz zu sagen. Ich verstehe mich mehr oder weniger als letzter Musiker bei einer Übertragung und als erstes Publikum. Das heißt, da sehe ich meine Rolle. Das heißt, ich denke, ich komme aus der Musik. Ich bin quasi der Letzte, der musikalisch da noch irgendwie eingreifen kann, indem ich irgendwie entscheiden kann, was musikalisch gerade wichtig sein könnte und was gezeigt wird. Und natürlich auch verstehe, wie Musiker denken und wie ein klassisches Konzert funktioniert. Und gleichzeitig muss ich aber natürlich auch ein bisschen einschätzen, was ist spannend, wenn man das sehen möchte, weil es natürlich anders ist, weil eben Musiker daran nicht denken.

31:14 Genau das ist etwas, wo ich zum Beispiel aus meiner Musikerperspektive sehr auch allergisch darauf reagiere, auf sowas, also sehr nahe Einstellungen, wenn es eigentlich gerade um etwas anderes geht. Ich muss aber sagen, dass ohne jetzt einen Ball irgendwo, einen Schwarzen Peter irgendwo zuzuschieben, das liegt meistens an den Videoleuten, die eben das nicht verstehen und eben sagen, aber hier, das Gesicht ist doch irgendwie Emotionen, das muss man doch groß sehen. Und dann eben nicht aus dieser Richtung kommen und sagen, ne, das tut eigentlich der Musik und auch den Schauspielern in dem Moment nicht gut. Und das ist ein Konflikt, der ist schwierig, aber auch furchtbar, wenn es auch Dinge gibt, die ich eigentlich gar nicht zeigen würde, die aber dann trotzdem schön sind.

31:58 Weil dann trotzdem vielleicht schön ist, wenn man gerade mal die Hafe sieht, wenn sie gerade so ihre große Bewegung macht, was musikalisch gerade absolut irrelevant ist, aber eben ein schönes Bild ist.

32:08 Rainer Nigrelli: Ich glaube, der Vorteil ist ja wirklich diese Fokussetzung. Gerade weil du Hafe sagst, Hafe fällt einem ja oft auch gar nicht auf. Es versinkt ja quasi so im Orchesterklang, wenn alle unisono spielen. Dann kriegt man es ja eigentlich kaum mit. Aber dadurch hat man ja auf einmal so einen Fokus. Das ist schon wirklich ein Vorteil, weil du interpretierst quasi schon mal vor, wie man so ein Stück zu lesen hat.

32:32 Sascha Etezazi: Ja, man kann eben Schwerpunkte setzen. Und das, was ich vorhin gesagt habe, eben diese drei Aspekte versuchen, einigermaßen gleich abzugleichen. Ich versuche auch, zum Beispiel wenn es um den Klangkörper geht, eigentlich in der Live-Übertragung ungefähr jede Gruppe einmal gezeigt zu haben, weil ich das irgendwie auch fair finde. Nicht immer nur die Geigen zu zeigen, weil sie ständig Melodie haben. Auch wenn es Mozart ist, gibt es irgendeine Stelle, wo wenn dann mal eine Pauke auch leise spielt, das auch mal zu zeigen. Oder eben auch die Holzbälse oder die Fagotte oder so. Weil das eben auch einfach darum geht, den Klangkörper und das Zusammenspiel zu zeigen. Den physikalischen Akt, das Miteinander, den Musikierern, den Dialog mit den Dirigenten.

33:14 Also das sind so sehr, sag ich mal, klangkörperspezifische Dinge, die da eben auch noch reinkommen.

33:18 Jan Henrik Pusch: Aber ich würde total gerne noch auf einen Punkt kommen, wenn du jetzt auch sagst, heute Abend ist der Livestream. Würde ich mal gerne noch mit dir sprechen wollen über Zeitdruck und über diese Verantwortung, die man dann ja sozusagen hat, wenn man etwas live rausgibt und es sozusagen in dem Moment performt werden muss. Das ist ja wirklich etwas, was wir beide so in unserer Welt irgendwie gar nicht kennen. Wir können lange brüten über etwas oder zumindest gehen häufiger drüber. Und das ist ja bei dir dann nicht so. Ist das etwas, was du auch vielleicht sagst, ja das brauche ich bei meinem Job oder?

33:55 Sascha Etezazi: Nee, gar nicht eigentlich. Eigentlich hatte ich immer versucht im Studium solche Sachen zu vermeiden. Das ist eigentlich auch etwas, wo ich auch eher meine Stärken sehe, oder nicht Stärken, aber ich genieße den Komfort, daheim im Studio, in der Postproduktion lange noch zu überlegen und fein zu tunen. Es ist trotzdem schon sehr reizvoll, sowas zu machen, weil man eben die Möglichkeiten hat einzugreifen, weil ich persönlich auch die Verantwortung sehe, aber auch eben Lust habe, das zu gestalten. Deswegen muss ich diesen Zeitdruck so ein bisschen in Kauf nehmen und auch die Tatsache, dass eben nicht alles 100% der Arrangement klappen wird, habe dann einfach versucht zu lernen, das an mir abprallen zu lassen.

34:35 Jan Henrik Pusch: Und das ist, gerade wenn du es nicht so magst, hast du irgendwie da auch was, wo du sagen das sind die Methoden, die ich mir angeeignet habe, um damit umzugehen?

34:45 Sascha Etezazi: Also am Anfang habe ich, wenn was nicht geklappt hat, habe ich das sehr persönlich genommen. Und es gibt Situationen, da funktioniert was nicht, es ist stressig, es gibt auch technische Probleme. Dann entsteht eben so eine Kommunikation, die vielleicht ein bisschen ruppiger ist, oder wo dann irgendwie aus dem Seitenbildmischer kommt oder kam. Das geht es nicht, das funktioniert nicht. Und für mich war das ein totaler Schock, weil ich eben nicht aus so einer Zeitdruckperspektive kam. Und weil ich nie wirklich, ich komme ja nicht aus dem Video, deswegen verstehe ich auch nicht, wie so eine Übertragung funktioniert und wie Kommunikation ist. Und es hat einfach gedauert. Ich habe, glaube ich, ein, zwei Jahre gebraucht, immer wieder mich dem ausgesetzt, um zu verstehen, okay, am Ende sind wir immer noch Kollegen und ich werde jetzt nicht ihr gefeuert, weil irgendwie zwei Dinge nicht passieren oder so, sondern es existiert ein Verständnis dafür, für die gegenseitigen Herausforderungen.

35:38 Und in dem Moment ist es einfach wichtig, zu kommunizieren und es gibt nicht viel mehr Zeit. Das heißt, ich habe einfach viel drüber nachgedacht, versucht zu rationalisieren und zu sagen, okay, das ist inhärent zu dem Format, das ist stressig, es gibt manchmal harte Kommentare, es muss Kritik geben und versucht, einfach das mitzunehmen und beim nächsten Mal besser zu machen und wieder besser zu machen und wieder besser zu machen. Mittlerweile bin ich es einfach einigermaßen gewohnt und kann mir auch einigermaßen vertrauen, einfach weil ich das jetzt seit fünf Jahren mache, auch wenn es mal nicht so gut läuft, zu wissen, okay, beim nächsten Mal wird es irgendwie klappen und genau.

36:16 Jan Henrik Pusch: Also nicht nur die Akzeptanz, dass das vorkommt, ist das eine und dann daran trotzdem arbeiten, ist das andere und dann muss man es...

36:23 Sascha Etezazi: Aber das zu trennen. Also nicht in dem Moment daran zu arbeiten, weil das ist der Fehler, den ich am Anfang gemacht habe. Ich habe dann während des Konzerts angefangen zu krübeln und dann bin ich noch mehr raus und noch mehr raus und noch mehr raus. Also das war, glaube ich, das Erste, was ich gelernt habe, ist okay, ist angekommen, tue ich eine Schublade, kümmere mich morgen drum und jetzt geht es aber erstmal weiter, weil das ist ja wichtiger, weil sonst zerfällt es noch mehr.

36:46 Rainer Nigrelli: Und okay, und es können also Sachen passieren, wie der Dirigent dirigiert was unglaublich anders und man muss dem hinterherkommen und verliert ganz kurz den Kontakt zur Partitur.

36:58 Sascha Etezazi: Das versuche ich zu vermeiden, aber das passiert natürlich.

37:00 Rainer Nigrelli: Passiert natürlich.

37:01 Sascha Etezazi: Und je mehr Erfahrung man hat, desto mehr Strategien hat man, eine Partitur zu lesen, zu finden, wo ist das. Sowohl im Schostakowitsch als auch im Sibelius, gestern gibt es ja extrem schnelle Teile. Das ist dann einfach eine Challenge, da muss man einfach mitkommen und ich habe jetzt hier keinen Stift, aber ich habe immer einen Stift in der Hand und dirigiere das auch immer mit. Und das körperlich mitzutakten, im wahrsten Sinne des Wortes, hilft extrem, dass ich da wirklich einfach okay, weil ich weiß, jeder Arm hoch ist, nächster Takt zum Beispiel, oder der Auftakt zum nächsten Takt und dann weiß ich immer sofort, wo ich hinschauen muss, wenn ich mal was suche.

37:42 Genau.

37:43 Rainer Nigrelli: Ja, es erinnert mich sehr an uns. Wir sind auch sehr mit dem Material verbunden und im Takt, im Rhythmus und dadurch können wir erst das Material lesen und verstehen und Entscheidungen treffen. Wir sind tatsächlich, obwohl wir ganz woanders sind, arbeitsmäßig sehr nahe, was solche Entscheidungen angeht. Ich würde sagen, wir gehen mal in unsere nächste Abteilung. Das ist die Kategorie-Abteilung und da werden wir dir jetzt Fragen stellen. Ich bin mal gespannt, wie das läuft.

38:10 Sprecher: Liebe Filmfreunde, kommen wir nun zu unserer Rubrik Knutsch the Kintop, was sind ihre Darlings?

38:17 Rainer Nigrelli: An der Stelle fragen wir immer, und da bin ich mal gespannt, wie das läuft. Weil wir wissen selbst die Frage nicht. Wir fragen eigentlich immer, ob du uns ein Beispiel sagen kannst für etwas, was in deinem Bereich besonders gut geschnitten ist. Hättest du da was? Ich sehe Sascha, das muss mir ganz kurz hier auch noch ganz kurz ausfallen, Sascha bereitet alles vor. Und das sieht man nicht nur in der Partitur, sondern sieht man auch in der Notes-App, die er gerade aufgemacht hat. Und dort stehen weitere Informationen.

38:48 Sascha Etezazi: Genau. Ich habe damals ein Gericht, das ich schon mal reingehört habe.

38:51 Rainer Nigrelli: Sehr gut.

38:52 Sascha Etezazi: Es ist ein bisschen schwierig, weil es natürlich extrem unterschiedliche Arbeitsweisen gibt, so eine Partitur aufzulösen. Und es gibt auch Beispiele, die vielleicht als negative Beispiele dienen können. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie, glaube ich, gezeigt haben, dass das nicht das ist, was gewünscht ist. Also es gibt Karajan-Aufnahmen von Beethoven Sinfonie, glaube ich, 6 bis 9, von Unitel damals. Ich glaube, 60er, 70er, ich weiß es nicht 100%. Und das waren Aufnahmen, die haben Karajan extrem gefeatured und die Instrumente des Ensembles eigentlich sehr fremd und eigentlich nur so, man sieht nur irgendwie Finger oder nur den Ausgang von den Blechblasinstrumente und gar nicht die Gesichter und auch das Orchester gar nicht.

39:43 Und es war extrem inszeniert und es gab eine extrem starke aufgesetzte Dramaturie, die natürlich jetzt irgendwie abgeleitet ist von der Musik, aber die nicht so der Musik gefolgt ist. Und ich glaube, das hat eigentlich einen sehr starken Schock gegeben für die klassische Musik. Karajan hat auch versucht, das nochmal umzuschneiden. Persönlich hat sie da nochmal eingesetzt. Ich glaube, bei drei von vier Sinfonien hat er es dann auch geschafft. Und weil er eben das gar nicht gut fand. Und ich glaube, das zeigt so ein bisschen, dass dieses Spannungsfeld, das ich vorhin erwähnt habe, dass Videoleute manchmal so aus einer anderen Perspektive kommen und irgendwie Dinge anders machen wollen, ohne zu verstehen, wie klassische Musik funktioniert, auch gefährlich sein kann, insofern als dass das Vertrauen tilgt und dass man eigentlich dann eher das Gefühl hat, gegeneinander zu arbeiten.

40:36 In der klassischen Musik ist extrem viel Wert auf die Interpretation und auf das Werk. Und alles, was an zusätzlichen Interpretationsebenen dazukommt, muss sehr, sehr fein abgewogen werden. Und ich glaube, das muss man verstehen. Wo das vielleicht ganz gut gelungen ist, ist eine Aufnahme, die während Corona standen ist, das ist das Quartett zum Ende der Zeit von Messiaen. Und...

41:09 Rainer Nigrelli: Olivier Messiaen, der...

41:10 Sascha Etezazi: Olivier Messiaen, genau, das wurde von ARTE produziert in Görlitz, im KZ damals, wo er auch war. Und... auch tolle Besetzung. Jörg Wiedmann, Isabel Faust, Pierre Laurent, Elmar. Und... da ist es, glaube ich, ganz gut. Finde ich. Aber das ist auch kein Livestream, sondern das ist auch eben mit Schnittliste und richtig aufgezeichnet und produziert. Ich habe noch ein drittes Beispiel.

41:38 Rainer Nigrelli: Geil.

41:38 Sascha Etezazi: Das, glaube ich, genau dazwischen geht. Und das ist eine Aufnahme, die ist viral gegangen. Vor ein paar Jahren nochmal, die ist eigentlich schon älter, aus 2015 von von Grigory Sokolov. Und er spielt Bachs Gigue aus einer Partita, ich hab's mir aufgeschrieben, Partita Nummer 1. Bachwerkverzeichnis 825, wenn das Leute suchen wollen. Und das ist ein zweieinhalb oder drei Minuten Stück. Und da spielt der Pianist eben eine Hand sehr schnell mit der rechten Hand. Und die linke Hand fängt irgendwann an, so zu kreuzen. Und die Kameraperson, ich weiß nicht, ob es live ist oder nicht, das ist auf jeden Fall ein Konzertmitschnitt, hat dann angefangen, irgendwann eben diese Kreuzung mitzuschneiden.

42:24 Also wirklich auch gegen, wie heißt das bei euch, so 180 Grad, so 180, also es gibt so Regeln oder so. Achsensprung. Achsensprung, danke. Sowas, was man, glaube ich, auch gar nicht macht, so einen Achsensprung irgendwie zu machen. Und das ist, glaube ich, so, ich finde das super lustig und mich hat das auch aus vielen Seiten erreicht. Das ist, glaube ich, so ein Level. Der macht das dann mal kurz, zeigt so ein bisschen auch die Challenge, die der Pianist hat durch diese ständigen Sprünge, weil es eben auch verwirrend ist fürs Publikum. Aber macht das nicht ständig und lässt dann wieder Platz zum Atmen und schafft es dann damit, eigentlich beides zu vermitteln.

43:04 Zum einen ist das total schwierig und irgendwie auch verwirrend. Aber nicht ich entscheide jetzt die ganze Zeit, was die Musik bedeutet, sondern ich unterstütze nur und zeige euch mal ganz kurz hier so eine Sache, die in der Musik liegt, aber danach, das ist nur 5-10 Sekunden, glaube ich, die das hin und her schneiden, aber danach lasse ich auch wieder rein. Und dann macht das nicht konstant durch die komplette Partitur, sondern eben nur an ein oder zwei Stellen mal. Und das fand ich eigentlich ganz gut. Es ist trotzdem aufmerksamkeitserregend und man spürt, sagen wir mal, den Editor, was man eben eigentlich nicht möchte, weil man in der klassischen Musik ist, dass man quasi noch diese Ebene hat, aber in dem Fall eben doch gut gelungen.

43:47 Rainer Nigrelli: Ja, super. Wir versuchen, das zu verlinken. Genau. Und ihr werdet das dann in den Show-Notes nachlesen können, was wir gefunden haben dazu. Weil es klingt super spannend. Kenn ich alles nicht, würde ich gerne hören. Die Karajan-Sachen, klar, kennt man. Und ich glaube, es ist auch lustigerweise das Bild, was man von ihm in Erinnerung hat, ihn in Ekstase beim Dirigieren. Und vielleicht hat das auch damit zu tun. Cool, wir gehen in die nächste Kategorie.

44:14 Sprecher: Tipps und Tricks am Schneidetisch.

44:19 Jan Henrik Pusch: Auch hier sind wir sehr gespannt auf deine Interpretation dieser Kategorie. Hier wollen wir uns einfach immer vorstellen, man arbeitet ja so viel und so lange in seinem Beruf und entwickelt Tricks, die man nutzt und die man vielleicht weitergeben kann. Ob dir da was einfällt, wo du sagen würdest, das kann ich jemandem, der vielleicht neu damit anfängt oder noch nicht so lange dabei ist.

44:52 Sascha Etezazi: Ich habe es so ein bisschen durchsickern lassen, ich bin ja kein Videomensch. Und ich glaube, was das aber so erfolgreich oder so produktiv macht, das ist eben genau das, das haben wir so ein bisschen auch rausgestellt im Gespräch eben. Und da in solche Dialoge einzutreten, vielleicht zu sagen, okay, wo gibt es irgendwie Aspekte, wo Menschen aus verschiedenen Expektisen zusammenkommen können und auch dann quasi was machen können, wo beide Seiten von profitieren und gleichzeitig aber auch eben das zu respektieren, was eben das Fachgebiet des anderen ist. Das sind so ein bisschen auch abstrakt so, ne?

45:30 Rainer Nigrelli: Ist jetzt gar nicht so ein fettes Beispiel. Nee, ich finde das eigentlich ein super Tipp. Weil bei uns erlebe ich das, also wenn man mit Studierenden spricht und die sagen, die kennen alle Filme und das ist ihr ein und alles, also jetzt im Filmmontagebereich oder Regie, was auch immer, dann denke ich immer, ja, das ist toll, aber es gibt so viel mehr. Du solltest unbedingt alles versuchen, dir anzuschauen. Und das kann klassische Musik sein, das kann auch Töpfern sein, das kann Fußball spielen sein, das kann alles sein.

46:03 Sascha Etezazi: Genau, ja.

46:04 Rainer Nigrelli: Und das muss man, also das finde ich ein super Tipp, also es müssen unbedingt verschiedenste Welten immer aufeinander treffen und man darf sich nicht nur in dieser einen Welt aufhalten, sonst, glaube ich, erfindet man sich nicht neu.

46:15 Sascha Etezazi: Total. Und ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich das irgendwann mache, als ich angefangen habe. Und ja, bin aber total froh, dass ich das machen kann, weil ich eine Möglichkeit habe gefunden habe, das, was ich gut kann, einem breiten Publikum zu zeigen, ja.

46:37 Jan Henrik Pusch: Ich glaube, das steht alleine. Nimm uns einfach noch mal mit in diesen Raum, wo du da bist. Gib uns da mal eine Anekdote, die du vielleicht mal erlebt, die du idealerweise erlebt hast.

46:54 Sascha Etezazi: Anekdoten. Vor ein paar Jahren hatte ich mal einen Auftrag bekommen, Partiturleser bei einem Maus-Konzert zu machen. Und wie das so normalerweise ist, bekomme ich irgendwann die Partituren zugeschickt und habe mich da rangesetzt und meine Partituren durchgearbeitet, wie jetzt gerade auch Rimsky, Korsakov, Sherazade vielleicht. Es ist ja auch ähnliche Musik, die da gespielt wird, aber.

47:15 Rainer Nigrelli: Man muss auch dazu sagen, ein Maus-Konzert, das ist ein Konzert für Kinder.

47:18 Sascha Etezazi: Genau, das ist ein Kinderkonzert. Das war mir auch klar, aber was mir gar nicht klar war, wie so ein Maus-Konzert eigentlich abläuft, nämlich dass es da gar nicht um die Musik geht. Ich komme da an mit meinen Partituren und mit meinen schönen Übergängen und Schnitten und Instrumentengruppen und dann kommt irgendwann die Maus auf die Bühne und ja, war alles für die Tonnen. Also die Kamera zeigt halt nur Maus und Kinder, die da mittanzen und so weiter. Ja, also das war schon sehr lustig. Also, war so ein bisschen Arbeit, die dann nicht gefuchtet hat. Da konnte ich dann nicht die Musik vertreten, aber das war in dem Moment dann vielleicht auch Fehler am Platz.

47:56 Rainer Nigrelli: Okay, ja, das passiert mal. Aber das heißt, du hast nicht irgendwie, okay, du hast dann also wirklich da gesessen und hast dann irgendwann gemeint, nee, die Ebene ist es einfach gar nicht.

48:05 Sascha Etezazi: Nicht irgendwann, sondern ziemlich schnell, ja.

48:08 Rainer Nigrelli: Oh wie traurig.

48:09 Sascha Etezazi: Die Ebene ist eigentlich nicht so relevant und es geht dann halt um andere Dinge, dann muss ich dann spontan um, ich hatte ja dann auch ein Regie, also so einen Konzertablauf bekommen, so wann was passiert ungefähr und habe dann gemerkt, okay, es geht natürlich irgendwann um Musik, dass die Kinder die Musik kennenlernen, aber wirklich Mittel zum Zweck in dem Fall.

48:26 Jan Henrik Pusch: Ja, aber damit bist du bei meinen Kindern auf jeden Fall sehr gestiegen im Ansehen, wenn du damit gearbeitet hast.

48:39 Rainer Nigrelli: Du hast gerade nochmal gesagt, du bist da so fokussiert, so ein Konzert ist gefühlt für dich wahrscheinlich, wie lange, wenn du da arbeitest?

48:49 Sascha Etezazi: Ein Konzert fühlt sich für mich an wie fünf Minuten.

48:52 Rainer Nigrelli: Das ist krass, das finde ich krass. Also du bist da komplett im Tunnel.

48:55 Sascha Etezazi: Ich bin komplett im Tunnel, ich bin drin, ich bin in der Musik. Es gibt dann irgendwann Pausen, dann wache ich so auf und sage, oh, Pause, okay, cool. Dann wandere ich ein bisschen durch den Regierraum, wie so ein alter Herr, der nicht weiß, was er zu tun hat, bis er wieder hingesetzt wird und wieder eingesetzt wird und dann wieder seine Sache machen darf, weil es einfach sehr konzentrationslastig ist. Also das war auch die größte Schwierigkeit am Anfang, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Die Luft wird auch schlechter. Am Anfang gab es noch irgendwie Ü-Wägen, in denen wir öfter waren. Da wurde die Luft schneller, schlechter. Genau. Und dann wirklich drin zu bleiben.

49:30 Und ja, also für mich ist das dann, es beginnt und dann irgendwann bin ich draußen und das war's.

49:36 Rainer Nigrelli: Willst du sagen, das ist dein Beruf?

49:39 Sascha Etezazi: Partitur lesen?

49:40 Rainer Nigrelli: Nee, also ich weiß nicht, wie du das nennst, wie auch immer du das nennst, weil Partitur lesen klingt so klein, weil aber ja genau. Und wenn du auf der Party stehst und dich vorstellst, Hi, ich bin Sascha.

49:50 Sascha Etezazi: Dann wird es kompliziert. Weil weder Tonmeister noch Partiturleser noch Klangregisseur irgendjemand irgendwas sagt und dann.

49:56 Rainer Nigrelli: Und stattdessen sagst du was?

49:58 Sascha Etezazi: Tonmeister und dann sagen alle, höh, Ton wie das Gefäß? Sag ich nee. Und dann kommt der Bielefeld-Joke, den wir schon hatten.

50:07 Rainer Nigrelli: Das muss man an der Stelle ganz kurz erwähnen. Ich hab gehört, als ich gehört hab, dass Sascha aus Bielefeld kommt, dann muss ich natürlich sofort fragen, ob diese Stadt wirklich existiert, weil ich war da noch nie und so weiter und bin in die Falle getappt.

50:19 Jan Henrik Pusch: Und ich bin Sascha zur Seite gesprungen und damit Sascha nicht noch mal sagen muss, dieser Witz ist zu alt, um genannt zu werden.

50:28 Rainer Nigrelli: Ich fand das sehr gut, als du gesagt hast, Jan, das ist wie, wenn man ein Kind was fragt oder nie sagt, Mensch, bist du groß geworden. Das ist genau das. Man kann dann zu nichts sagen, außer ja. Das tut mir sehr leid. Vielleicht musst du auf der Party irgendwie sagen, hey, komm lass ihn vertanzen und dann kannst du das überspringen vielleicht.

50:48 Sascha Etezazi: Aber seitdem diese Reels auf Instagram veröffentlicht wurden, kann ich das ein bisschen besser zeigen. Und ich habe diese Reels eigentlich, ich habe einen Reel gemacht für mich selbst. Ich habe mich mal angefangen aufzunehmen, einfach weil mich das interessiert hat, auch ein bisschen Selbstkritik und so weiter. Funktioniert das ganz gut. Und dann habe ich das Video drüber gesetzt, weil ich das eben auch in einer Lehrsituation zeigen wollte, als ich da mein Seminar zugegeben habe. Dann habe ich das meiner Frau gezeigt und die war total begeistert davon. Und sie weiß ja im Prinzip, was ich mache. Ich dachte, sie versteht das. Sie sieht sogar die vorbereiteten Partituren, aber sie meinte, das musst du unbedingt hochladen.

51:26 Dann habe ich das hochgeladen und das... Also ich weiß nicht, was die Schwelle ist für Viralgehen, aber für mich war das viral gegangen. Also ich glaube, 70.000 Aufrufe oder Likes, keine Ahnung. Und dann hat eben auch der WDR mich, die Social Media Abteilung, nochmal kontaktiert und gesagt, hey, ein cooles Reel, lass mal mehr davon machen. Und dann sind, glaube ich, die Reels entstanden, die ihr gesehen habt. Und das erklärt das sehr gut eigentlich. Ich glaube, worüber wir hier in der Zeit jetzt gesprochen haben.

51:56 Rainer Nigrelli: Hätten wir uns sparen können.

51:59 Sascha Etezazi: Nee, das nicht, weil es gibt natürlich viele Aspekte. Aber für die Party ist das sehr, sehr effektiv.

52:03 Rainer Nigrelli: Ja, genau. Nimmt das mit. Und wir verlinken das natürlich auch und weisen da nochmal drauf hin. Und dann könnt ihr das mitnehmen und allen zeigen, dass was Sascha so beruflich macht. Sascha, vielen, vielen Dank, dass du bei uns warst. Vielen Dank.

52:19 Sprecher: Wir haben also gesehen, dass im Mitschnitt eines Klassikkonzerts der NDR Elbphilharmonie die Partitur, das Drehbuch und die Noten, die Spezialeffekte darstellen. Der Köter sollte lesen können, welcher der 40 Musiker wann und wie für wenige Sekunden aus der Menge zum Protagonisten geweiht und mittels filigranschnitt herausgeschält werden sollte. Man sollte nicht auf den Oboisten schneiden, wenn gerade die Tuber ihre Singstimme aus Blech erhebt. Und bei schmachtender Solo-Violine wäre es ziemlich doof, auf den Querflütisten zu schneiden, der sich gerade in der Nase bohrt. Studiert den Werkstoff und seine Nähte, bevor ihr euch erdreistet, die Klassiker optisch zu filetieren, liebe Köter.

52:59 Jan Henrik Pusch: Ja gut, damit haben wir wohl gelernt Rainer, warum wir bei klassischen Konzerten niemals die Musiker in der Nase bohren sehen.

53:10 Rainer Nigrelli: Ja, das haben wir gelernt. Ich habe das Gefühl, wir sollten, einfach weil wir dann auch wo ganz woanders hinkommen, öfter solche Sachen machen, also dieses Querverbindungen schaffen, also wirklich mal mit anderen Leuten in Kontakt kommen und nicht nur in der Medienwelt gucken, hier für diesen Podcast. Also was ich ja, das können wir ja gerade mal offen diskutieren, was ich ja auch mal dachte ist, was eigentlich Dramaturgen machen am Theater, ist natürlich nicht die Arbeit, die wir machen, klar. Aber es gibt Bereiche, wo die ein bisschen das machen, was wir machen. Beispiel, wenn es einen zu langen Theatertext gibt, also irgendein Drama oder so, dann wird der gekürzt, dieser Text, und das können wohl auch Dramaturgen machen.

53:51 Also das scheint auch ein Aufgabenbereich zu sein.

53:53 Jan Henrik Pusch: Also möchtest du Saschas Tipp direkt umsetzen und sagen, wir weitern unseren Blick und lernen von anderen?

54:02 Rainer Nigrelli: Genau, weil ich glaube, man trotzdem Überschnitt und Montage sprechen kann dort, halt aus einer ganz anderen Perspektive. So wie wir es jetzt hier auch so ein bisschen gemacht haben. Und es kann trotzdem spannend sein und cool. Auch für euch da draußen, die uns gerade hören.

54:16 Jan Henrik Pusch: Und wir lassen natürlich auch unsere klassischen Themen nicht zu kurz kommen.

54:20 Rainer Nigrelli: Klassische Themen, das passt hier. Sehr gut.

54:23 Jan Henrik Pusch: Ich finde den Gedanken gut. Ja, lass uns doch mal drüber nachdenken und mal gucken, wen wir in welchen Bereichen finden können.

54:30 Rainer Nigrelli: Cool, dann denken wir jetzt drüber nach, oder? Ab jetzt? Ab 4, 3, 2, 1.

54:38 Jan Henrik Pusch: Ja, haben wir nachgedacht.

54:40 Rainer Nigrelli: Super.

54:40 Jan Henrik Pusch: Und falls ihr in der Zeit auch nachgedacht habt und eine Idee hattet, schreibt uns gerne, Instagram oder sonst wo, wo man am besten mit uns Kontakt aufnehmen kann, gerne auch über E-Mail. Wir heißen info at credit to the edit.de.

54:54 Rainer Nigrelli: Vielen Dank an Adobe für die Unterstützung dieser Folge und der VG Bildkunst Stiftung Kulturwerk. Lass uns weiter nachdenken.

55:03 Jan Henrik Pusch: Wir denken in 4, 3, 2, 1.

55:07 Sprecher: Sie haben gesehen, Filmschnitt ist also gar nicht zu kompliziert. Und denken Sie immer daran. Um eine Filmmontage richtig und möglichst mit Perfektion durchführen zu können, wird einiges Werkzeug benötigt. Es ist selbstverständlich, dass alle benutzten Geräte sowie das erforderliche Material bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen.

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